Thorsten Konigorski

Über die Ufer getretene Maas

Nie­der­rhein

Nie­der­rhein im Januar: Breite Was­ser­stra­ßen. Über­spülte Ufer­wege, instal­lierte Spund­wände, ringsum schwe­res und feuch­tes Land.

Kon­zertan­fra­gen

Fort­lau­fend errei­chen mich Anfra­gen von Künst­lern mit der Bitte, in St. Remi­gius kon­zer­tie­ren zu kön­nen. Ihre Anzahl über­steigt bei wei­tem meine Mög­lich­kei­ten, Ein­la­dun­gen aus­zu­spre­chen. So kom­for­ta­bel das auch ist: ich bedaure, mög­li­cher­weise Kol­le­gen nicht hin­rei­chend wür­di­gen zu kön­nen oder auch eine Ant­wort zu ver­ges­sen. Die Kon­zert­reihe 2018 steht fest, und im Jahre 2019 wird es schwie­rig wer­den, in der Remi­gius­kir­che Kon­zerte zu orga­ni­sie­ren, da die Kir­che wegen einer Reno­vie­rung mona­te­lang geschlos­sen sein wird. Der För­der­ver­ein wird den Umgang damit noch diskutieren.

Kits­une

Seit ges­tern bin ich nach lan­ger Zeit wie­der dabei, zu kom­po­nie­ren. Dies­mal wer­den es kleine Kavier­stü­cke wer­den. Aus­lö­ser und Inspi­ra­tion ist der Mikroro­man „Kits­une“ von Sudabe Moha­fez - illus­triert mit sehens­wer­ten Gra­fi­ken von Rit­ti­ner & Gomez. Eine erste Skizze dazu ging mir recht schnell von der Hand - mal sehen, was draus wird. Die ästhe­ti­schen Pro­bleme, die es bedeu­tet, heute zu kom­po­nie­ren, erschei­nen mir (nach wie vor) erheblich.

Feu­er­zan­gen­bowle

Der letzte Weih­nachts­got­tes­dienst ist gesun­gen, und wie jedes Jahr gibt es im Hause W. ein aro­ma­ti­sches und sinn­li­ches Stell­dich­ein: Eine blut­rote, damp­fende Flüs­sig­keit. Män­ner hocken um sie herum. Der eine, der Älteste, hat in eiser­ner Zange einen dicken, kris­tall­wei­ßen Klum­pen und hält ihn über das Gefäß. Der zweite hat eine ver­staubte Fla­sche in der Hand und gießt eine helle Flüs­sig­keit über den Klum­pen. Der Dritte setzt ihn in Brand. Eine gespens­ti­sche blaue Flamme zün­gelt hoch. Der weiße Klum­pen knis­tert und fängt an zu schmel­zen; dicke, zähe Trop­fen lösen sich und fal­len zischend in die rote Flut. Und ein lei­ser, betäu­ben­der Dunst zieht durch den Raum, steigt ins Gehirn.

(Hein­rich Spoerl: „Die Feuerzangenbowle“)

Karl Rah­ner

Wer los­läßt und springt, fällt in die Tiefe, die da ist, nicht nur inso­weit er sie selbst aus­ge­lo­tet hat. Wer sein Mensch­sein annimmt (ach, das ist unsag­bar schwer und es bleibt dun­kel, ob wir es wirk­lich tun), der hat den Men­schen­sohn ange­nom­men, weil in ihm Gott den Men­schen ange­nom­men hat.

Karl Rah­ner, in einem Weih­nachtsbei­trag für die ZEIT 1962

Im Pantheon in Rom

Drei­er­lei

Ges­tern, das Remi­gius­haus war noch erfüllt von einem den der­zeit zahl­reich statt­fin­den­den Weih­nachts­fei­ern geschul­de­tem Duft­ge­misch aus Glüh­wein und Vanille-​Waffeln, über­kam mich beim Blick auf die zu ver­wirk­li­chen­den Stü­cke und deren Kom­po­nis­ten wäh­rend der Instru­men­tal­probe zur Christ­mette plötz­lich und unver­hofft eine Remi­nis­zenz: Arcan­gelo Corelli ist im Pan­theon beige­setzt! Und flugs hing eine Weile statt der nass­kal­ten düs­te­ren Wit­te­rung hier­zu­lande der römi­sche Som­mer in der Luft: eine flüch­tige Asso­zia­tion von spät­abend­lich küh­lem Weiß­wein am unweit des Pan­the­ons gele­ge­nen, die Hitze des Tages kon­ser­vie­ren­den Campo de‘ Fiori (Ob es im Falle des Falls durch das Loch des Pan­the­ons rein­schneit? Eine schnelle Smartphone-​Recherche ergab jeden­falls für heute dort nur Sonnenschein).

Heute besu­che ich vol­ler dank­ba­rer Gefühle mei­nen Vor­gän­ger und Regio­nal­kan­tor a.D. Hans-​Wilhelm Hoff zu des­sen Geburts­tag. Als ich nach Vier­sen kam, hatte ich nicht ahnen kön­nen, in ihm einen der­ar­tig güti­gen, gedul­di­gen und wohl­mei­nen­den Men­tor zu finden.

Weil heute frei ist und das all­jähr­li­che Tref­fen mit mei­nem Paten­kind und Kol­le­gen naht, krame ich spä­ter aus dem Instru­men­ten­be­stand das von mir sorg­fäl­tig gepflegte Ran­kett wie­der her­vor. Hof­fent­lich finde ich noch Zeit, Ansatz und Spiel dar­auf zu trainieren.

Tigran Hamasyan

Nach­dem mir heute zum drit­ten Mal jemand gesagt hat, meine Kla­vierim­pro­vi­sa­tio­nen klän­gen wie die­je­ni­gen von Tigran Hamasyan habe ich mir den mal genauer ange­hört. Das gefällt mir, und ich bedaure heute, daß die Pen­del­zei­ten zwi­schen mei­nem Arbeit– und Wohn­ort nur so kurz sind, ich hätte gerne mehr Zeit, ihn zu hören.

Fres­co­baldi an der Chororgel

Zeit, die senk­recht steht auf der Rich­tung ver­ge­hen­der Her­zen*: Ich könnte stun­den­lang an der klei­nen ita­lie­ni­schen Cho­r­or­gel der Remi­gius­kir­che Fres­co­baldi üben. Zurück­hal­tend, edel und weich und doch prä­sent: Welch Prin­ci­pale, welch Voce Umana!

Zweite Advents­wo­che

Alles ist bunt, laut und blinkt. Na schön.

Stück für Stück und sehr nüch­tern stemme ich die Weih­nachts­vor­be­rei­tun­gen mit all ihren eher logis­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen. Dabei ste­cken mir die­ses bewe­gungs­feind­li­che Wet­ter und die Stra­pa­zen des letz­ten Monats noch allzu deut­lich in den Kno­chen. Aber wir sind gut im Plan - trotz der in die­sem Jahr ja recht kur­zen Adventszeit.

Wie jedes Jahr merke ich, daß die Advents­zeit mit ihrem eige­nen und von der Weih­nachts­zeit abwei­chen­den Cha­rak­ter ver­lo­ren­geht. Face­book begrüßt mich schon heute erra­tisch mit: „Die Weih­nachts­zeit hat begon­nen, Thors­ten“. Und gleich nach Weih­nach­ten ist dann sicher Kar­ne­val? Helau!

Ich hoffe, noch recht­zei­tig vor Austel­lungs­ende einen Abste­cher nach Köln zu Tin­to­retto im Wallraf-​Richartz-​Museum zu schaffen.

Drewermann-​Zitat

Dre­wer­mann hat es es auf gänz­lich ande­res bezo­gen, ich weiß es, aber den­noch: haben meine Kol­le­gen, habe ich eine andere Wahl, als sich all­täg­lich „der Ent­stel­lung, der Gefahr des Miß­ver­ste­hens und der Gefahr des Miß­ver­stan­den­wer­dens, der Mög­lich­keit tra­gi­schen Irr­tums und der Aus­sicht tra­gi­schen Schei­terns, der Peri­pe­tie des Schäd­lich­wer­dens der bes­ten Absich­ten […] bis zur Leib­haf­tig­keit auszusetzen“?

Orgel­pro­these

Gerade ges­tern noch habe ich meh­rere Stun­den zusam­men mit Mar­tin Scholz in der Orgel der Remi­gius­kir­che mit der Sich­tung sich auf­lö­sen­der Blei­kon­dukte ver­bracht und lese heute, daß Orgel­bau und -musik bei der UNESCO Welt­erbe der Mensch­heit wer­den soll.

Ich bin da sehr gespal­ten. Ich ver­stehe, was György Ligeti meint, wenn er von der Orgel als „rie­si­ger Pro­these“ spricht („ihre Unbe­hol­fen­heit, Steif­heit und Eckig­keit“). Sie ist den aller­meis­ten Instru­men­ten unter­le­gen, weil sie wie kein ande­res die Klang­er­zeu­gung, das For­men des Klangs und das Rin­gen um ihn vom Spie­ler ent­fernt und mecha­ni­siert. In Orge­l­auf­nah­men bei­spiels­weise von Glenn Gould ist dies evi­dent. Ande­rer­seits ist jede Orgel ein auf den Stand-​und Klang­ort hin kon­zi­pier­tes Uni­kat, sie ist nicht allein klin­gen­des Instru­ment, son­dern auch optisch prä­sent, sie ist Skulp­tur und Archi­tek­tur - und min­des­tens in die­ser Hin­sicht wohl die Köni­gin der Instrumente.

An der Orgel der Remi­gius­kir­che ist beim Bau vom genia­len Gerald Woehl kon­se­quent alles das, was an der Orgel „Maschine“ ist, auf das Mini­mum redu­ziert wor­den. Bis heute erlebe ich bei Besu­chern Stau­nen dar­über (zumal diese Art des Orgel­bau­ens, eine Zeit­lang schu­le­ma­chend, der­zeit wie­der zu kip­pen scheint) — teils irri­tiert, meist bewun­dernd und bis­wei­len auch ableh­nend. Ich aber bin nach wie vor froh dar­über, da es mei­nen Vor­stel­lun­gen vom Instru­ment Orgel prä­zise ent­spricht. Wenn Orgel, dann so.

Knopf­ler

Heute, irgend­wann im Auto, es war schon dun­kel, in einer Vier­sener Stra­ßen­schlucht mit häss­lich blin­ken­den Häu­ser­de­kos, grü­belnd über einen heute mor­gen gehör­ten Satz Klaus Essers („Unser Den­ken muß wei­ter gehen als unser Blick.”), höre ich plötz­lich Mark Knopf­ler im Radio; ich drehe lau­ter und, wäh­rend mir der sehr bit­tere und ebenso süße Geschmack eines Ama­rone in den Sinn kommt, singe ich mit: The moon shi­nes down upon it all ¶ The leg­less and slee­p­less ¶ And some­thing from the past just comes ¶ And sta­res into my soul ¶ It’s cold on the toll­gate ¶ God knows what I could do with you ¶ And it’s what it is ¶ It’s what it is now.

Hei­lig­abend 2017

In der Pfar­rei St. Remi­gius fin­den (die sich auf den 4. Advent bezie­hen­den Got­tes­dienste nicht mit­ge­rech­net) am Hei­li­gen Abend in den unter­schied­li­chen Got­tes­dienst­stand­or­ten nicht weni­ger als 16 Got­tes­dienste statt; der erste beginnt um 14:00, der letzte um 24:00 Uhr. Es ver­steht sich allein schon wegen der sich über­schnei­den­den Got­tes­dienst­zei­ten von selbst, daß ich sie nicht alle selbst spie­len kann. In fünf davon singt ein Chor, alle sind beson­ders gestal­tet. Mein ver­bind­lichs­ter Dank gilt daher gerade an die­sem Tag Euch bis an die Grenze des Zumut­ba­ren gefor­der­ten ehren– und neben­amt­li­chen Hel­fern und ins­be­son­dere Euren Fami­lien. Was täten wir ohne Euch?

Und, ach, in der Probe ges­tern trös­tete mir die mit nur drei Stim­men, zwei Vio­li­nen und Con­ti­nuo besetzte Buxtehude-​Kantate „In dulci iubilo“ BuxWV 52 mein Gemüthe. Sie bestä­tigte mir wie­der, daß man auch mit beschei­dens­ten Mit­teln Kunst machen kann.

Monats­ende

Mit der Gestal­tung eines gemein­sa­men Got­tes­diens­tes aller fünf Chöre der Pfar­rei endet heute ein ter­min­lich unglaub­lich dicht besetz­ter Monat. Ich hatte in mei­nem Dienst nie zuvor eine der­ar­tig antren­gende Phase wie zurzeit .

Ausschnitt aus Codex Sangallensis 359

Work­shop

Heute konnte ich beim Gregorianik-​Work­shop mit den – für mich über­ra­schend vie­len – Teil­neh­mern einen Par­force­ritt durch Grund­la­gen, For­men und Geschichte der Gre­go­ria­nik unter­neh­men und traf auf ein sehr auf­merk­sa­mes und wohl­wol­len­des Publi­kum. Ich bin sehr dank­bar — und nach wie vor fas­zi­niert von der­art groß­ar­ti­gen Hand­schrif­ten wie die oben abge­bil­dete aus der Stifts­bi­blio­thek in St. Gallen.

RP-​Kritik

In der „Rhei­ni­schen Post“ schreibt heute Ott­mar Nagel über das Orgel­kon­zert mit Éti­enne Wal­hain vorgestern.

Und der Keve­lae­rer Orgel­bauer und Kon­zert­be­su­cher Marco Ell­mer meint auf Face­book: „Unfass­bare Dar­bie­tung heute von Éti­enne Wal­hain an der groß­ar­ti­gen Woehl-​Orgel in St. Remi­gius Vier­sen. Sel­ten erlebt man eine der­ar­tig innige Ver­bin­dung von Orgel und Inter­pret. Und wie­der mal hat sich bewie­sen wie uni­ver­sal ein­setz­bar die­ses ein­zig­ar­tige Instru­ment ist.“

Eti­enne Walhain

Am deut­lichs­ten beim heu­ti­gen Orgel­kon­zert mit Éti­enne Wal­hain wird mir neben sei­ner beste­chen­den Tech­nik vor allem die äußerst unkon­ven­tio­nel­len Regis­trie­run­gen erin­ner­lich blei­ben: bis­wei­len mini­ma­lis­tisch, immer nach­voll­zieh­bar und der Musik dien­lich; es waren wirk­lich auf die Woehl-​Orgel zuge­schnit­tene Lösun­gen. Großartig.

Herz­li­chen Dank an Assi­ten­tin Monika Stef­fen und Chris­toph Rei­ners, der äußerst umsich­tig die Kamera führte.

Beer­di­gung

Heute bewegte mich die Beer­di­gung eines Kon­go­le­sen, bei der - ange­facht durch eine Besu­che­rin - die ganze Ver­samm­lung unver­mit­telt tanzte, klatschte und sang. Ergrei­fend. Um kul­tu­relle Unter­schiede in der Trauer zu wis­sen ist eine Sache, sie zu erle­ben und zu spü­ren, kör­per­lich, eine ganz andere.

Aufbau

Vor­be­rei­tun­gen für das Orgelkonzert

Auf­bau und Pro­be­lauf für das Orgel­kon­zert mit Eti­enne Wal­hain am Sonn­tag in der Remi­gius­kir­che, zusam­men mit Ulla Empt und Chris­toph Rei­ners, der auch erfreu­li­cher­weise seine Kamera zur Ver­fü­gung stellt.

Ich bin heil­froh, daß die Pfarre Über­tra­gungs­tech­nik, Bea­mer und Lein­wand besitzt: Das tra­di­tio­nelle Set­ting von Orgel­kon­zer­ten, bei dem vorne – anders als bei Kammer-​oder Chor­kon­zer­ten – sicht­bar nichts pas­siert, kön­nen wir so überwinden.

Opel­zi­tat

Jah­res­zeit­lich bedingt erscheint mir heute das urban com­mu­ting mit dem Rad ris­kant; ich bin trotz erklär­ter Liebe zum Herbst­laub sozu­sa­gen mit ver­nei­nen­der Gebärde unter­wegs. Mir kommt das sonst ja zutref­fende Zitat „Bei kei­ner ande­ren Erfin­dung ist das Nütz­li­che mit dem Ange­neh­men so innig ver­bun­den, wie beim Fahr­rad” in den Sinn, das aus­ge­rech­net von Adam Opel stammt, und lache sar­do­nisch vor mich hin.

Noch­mal Niederkrüchten

Wegen mei­nes Orgel­kon­zerts mor­gen war ich heute noch­mal in Nie­der­krüch­ten, um alle Stü­cke opti­mal zu prä­pa­rie­ren. Ich bin sehr über­zeugt von die­sem Instru­ment, bis ins Detail. Fas­zi­nie­rend zum Bei­spiel finde ich die Unter­schiede zur nur unwe­sent­lich klei­ne­ren Orgel in St. Marien in Vier­sen: beide haben im Haupt­werk eine Holz­flöte 8, und den­noch klin­gen beide im Rah­men des Gesamt­kon­zepts der jewei­li­gen Orgel völ­lig unter­schied­lich - und trotz­dem überzeugend.

Auf dem Weg nach Nie­der­krüch­ten habe ich einen Abste­cher zur Orgel­bau­werk­statt von Mar­tin Scholz nach Mön­chen­glad­bach gemacht, um eine defekte Manu­brie rich­ten zu las­sen - schließ­lich soll Eti­enne Wal­hain für sein Réci­tal am kom­men­den Sonn­tag in St. Remi­gius eine per­fekte Orgel vor­fin­den. Wie jedes Mal nutzte ich die Gele­gen­heit, in der Werk­statt aktu­elle Pro­jekte zu besich­ti­gen, und es war schön zu erle­ben, wie offen man mit Mar­tin seine Orgel­kon­zepte - er baut der­zeit eine Orgel für St. Cle­mens in Bergisch-​Gladbach - dis­ku­tie­ren kann. Ich habe dort auch ein Har­mo­nium getes­tet, das ich für das Kon­zert mit Veit Scholz im Februar brau­chen werde.