Thorsten Konigorski

Probe für die Matinée

Heute mor­gen Probe mit Sabine Ley und The­resa Icking für die Mati­née am kom­men­den Sams­tag. Ein sehr ange­neh­mes Tref­fen. Pur­cell, Bach, Mar­cello, Corelli und Beethoven.

Ich war sehr erstaunt, daß die Truhe in der untrans­po­nier­ten Ein­stel­lung mitt­ler­weile auf 447Hz gestie­gen ist. Das hätte ich in der Gra­bes­kir­che nicht gedacht, ich werde es noch rich­ten müssen.

Kam­mer­chor

Der ideale Chor hat 12 Mit­glie­der”, so soll Johann Sebas­tian Bach gesagt haben, „damit man - falls mal einer krank wird - noch dop­pel­chö­rig sin­gen kann.” Unser klei­ner fei­ner Kam­mer­chor beim heu­ti­gen Pfingst­mon­tags­got­tes­dienst hatte 12 Leute, und wir haben 8-​stimmig gesun­gen. Herz­li­chen Dank an Euch!

Par­al­le­len

Die Frank­fur­ter All­ge­meine kom­men­tiert das Pfeif­kon­zert gegen Helene Fischer beim End­spiel des DFB-​Pokals mit den Wor­ten: Das Pokal­fi­nale ist kein Super­bowl. Wobei die Fans, nota bene, offen­sicht­lich eigent­lich gar nichts gegen Helene Fischer haben.

Da drän­gen sich mir doch Par­al­le­len auf. In der Zeit hat neu­lich Chris­tina Rietz unter der Über­schrift „Hört auf mit der Party!“ durch­aus dis­kus­si­ons­wür­dig gegen Schnick­schnack am Altar plä­diert. Meint sie am Ende das glei­che wie die Fans?

Ich mag übri­gens den Klang von E-​Gitarren.

Glo­cken

Bin in mei­ner Hei­mat­stadt, und wenn­gleich es Fei­er­tag und Don­ners­tag ist, denke ich an Hanns Die­ter Hüsch: „Sams­tags die Glocken/​Wohl auch anderswo/​Aber am Niederrhein/​klin­gen sie/​meta­phy­sisch.“

Besuch auf der Orgelbühne

Zur 11:00-Uhr Messe hatte ich Besuch auf der Orgel­bühne: der 6-​jährige Peter Holt­schop­pen hat mir bei der Lie­d­an­zeige assis­tiert. Ich mag es, wenn Chor­mit­glie­der oder deren Kin­der mich auf der Orgel­bühne besu­chen. Das hat in der Remi­gius­kir­che eine gewisse Tradition.

Grafik aus L'Art du facteur d'orguesDabei ist die Orgel­bühne in St. Remi­gius recht eng. Der Platz auf der Grenze zwi­schen Turm– und Kir­chen­raum ist begrenzt, und das gab dem so begna­de­ten Orgel­bauer Gerald Woehl die Gele­gen­heit, die Orgel beim Neu­bau 1984 reich­lich exakt so anzu­le­gen, wie im Buch „L’Art du fac­teur d’orgues“ (1778) des François Dom Bédos de Cel­les skiz­ziert: auch wenn hin­ter dem Rück­po­si­tiv ein wenig mehr Raum ist, als auf dem Bild zu sehen, fin­det auf der Orgel­bühne nur noch maxi­mal eine Per­son auf der rech­ten Seite des Orga­nis­ten Platz. Zu die­sem Zweck befin­det sich dort ein ein­fa­cher, weg­klapp­ba­rer Stuhl aus Holz.

Die­ser Stuhl wird intern respekt­voll Ernst-​Klusen-Stuhl genannt - mein Vor­gän­ger hat ihn so getauft. Klu­sen, der in Vier­sen wohnte, hatte in sei­nen letz­ten Lebens­jah­ren dort geses­sen, wäh­rend mein Vor­gän­ger die Messe spielte.

Frei­lich … muß heute kein Besu­cher als Kal­kant fun­gie­ren, und ich sitze auch nicht mit Degen an der Orgel.

Flöte und Gitarre.

Heute stand im Rah­men der Kon­zert­reihe in St. Remi­gius Kam­mer­mu­sik auf dem Pro­gramm: Musik für Flöte (Ursula Dortans-​Bremm) und Gitarre (Jutta Hetges).

Die Musik Astor Pia­zol­las ist mir natür­lich nicht neu, war aber an die­sem Abend eine Offen­ba­rung für mich.

Ange­nehme Kon­takte am Rande des Kon­zerts: Flö­tis­tin und Blog­ge­rin Julia Bremm und Pau­kist und Per­kus­sio­nist Daniel Häker aus Wup­per­tal, der in Vier­sen der­zeit eine Austel­lung mit eige­nen Foto­gra­fien gestaltet.

Karl Kraus?

Die bes­ten Kom­po­si­tio­nen sind für mich jene, die ihr Geheim­nis auch nach umfäng­li­cher und sorg­fäl­tige Ana­lyse noch behal­ten. Die objek­tiv gut gemacht sind, denen man aber den­noch nicht auf die Schli­che kommt. Wenn ich unter Rät­sel eine Frage ver­stehe, in der zwar der Weg zur Lösung, nicht aber die Lösung selbst ent­hal­ten ist, dann kann ich unter guter Musik in iro­nie­freier Abwand­lung des bekann­ten Karl-​Kraus-​Zitats ein Stück ver­ste­hen, das aus einer Frage ein Rät­sel zu machen vermag.

Mein Rhein ist die Niers

Ein Text aus der Rhei­ni­schen Post spricht mir aus dem Her­zen: In der „Hymne“ Warum die Niers mein Rhein ist offen­bart Sebas­tian Dal­kow­ski sehr emo­tio­nal ( „… zur Begeis­te­rung nicht fähige Iro­ni­ker wer­den als dezen­ten Spott deu­ten, was ich genauso meine, wie es da steht …“ ), daß für ihn eher die Niers als der Rhein den Nie­der­rhein prägt. Ich erlebe es seit Kin­der­ta­gen genauso. Ein schö­ner Satz dar­aus: So flach ist es hier, daß man denkt, gleich müsse man wenigs­tens mit dem Meer belohnt wer­den, es kommt aber kein Meer.

Kunst­werke vergleichen

Auf dem Weg zur Gene­ral­probe für die Auf­füh­rung der h-​Moll-​Messe im Klos­ter Kamp heute bin ich ins Grü­beln gera­ten: Es gibt wohl kaum eine Auf­füh­rung die­ser Messe, bei der nicht deren ers­ter Ver­le­ger, Hans Georg Nägeli, im Pro­gramm­heft zitiert wird; er kün­digt den Erst­druck 1818 in der All­ge­mei­nen musi­ka­li­schen Zei­tung mit den Wor­ten an, es handle sich bei der h-​Moll-​Messe um das größte musi­ka­li­sche Kunst­werk aller Zei­ten und Völ­ker.

Mög­li­cher­weise war das nur eine Marketing­strategie. Aber des­sen unge­ach­tet ist es offen­sicht­lich eine nicht ernst­haft auf­zu­stel­lende Behaup­tung, sowohl der glo­ba­len, als auch der über­zeit­li­chen Per­spek­tive wegen. Michael Prä­to­rius sah das Ende der Musik­ge­schichte gekom­men, Gesualdo da Venosa wähnte sich kom­po­si­to­risch ebenso in einer Sack­gasse wie es spä­ter Gus­tav Mah­ler emp­fun­den haben muss: sie alle konn­ten nicht vor­aus­ah­nen, was nach ihnen - und anderswo - noch Groß­ar­ti­ges zu schaf­fen mög­lich wurde. Warum sollte das auf Nägeli nicht zutref­fen? Mich sto­ßen daher Hybris und Pathos der Aus­sage Näge­lis ab - unab­hän­gig davon, wie sehr ich die h-​Moll-​Messe liebe und verehre.

Mir stellt sich die Frage, inwie­fern und ob man über­haupt Kunst­werke mit­ein­an­der ver­glei­chen kann. Anselm Hart­mann ant­wor­tete mal auf die Frage, wel­ches Musik­stück in sei­nen Augen das größte sei, mit dem Satzt: „Immer das­je­nige, das ich gerade übe.“ Diese Ant­wort hat eine Kom­po­nente, die sich erst auf den zwei­ten Blick erschließt: nicht nur wählt der Künst­ler selbst­ver­ständ­lich das Kunst­werk aus, das ihm gefällt. Auch das Kunst­werk selbst bewirkt Attrak­tion, es spricht den Künst­ler an, und je tief­schür­fen­der die­ser sich mit ihm beschäf­tigt, desto mehr.

Theo­dor W. Adorno unter­stellt dem Kunst­werk viel mehr, Inten­tion und Wil­len: Der „eigen­tüm­li­che“ Zwang, unver­gleich­li­che Kunst­werke mit­ein­an­der zu ver­glei­chen und gegen­ein­an­der zu wer­ten sei „in den Kunst­wer­ken sel­ber gele­gen. Soviel ist wahr, ver­glei­chen las­sen sie sich nicht. Aber sie wol­len ein­an­der vernichten.“

Ver­nich­tungs­wil­lige, destruk­tive Kunst­werke? Ein befremd­li­cher Gedanke, wenn es doch um Schön­heit gehen soll. Und es ist genau der abso­lute Schön­heits­an­spruch, den nach Adorno jedes Werk unge­teilt und voll­kom­men für sich bean­sprucht. So tota­li­tär, daß es in sei­nen Augen kein Neben­ein­an­der von Kunst­wer­ken, keine „ästhe­ti­sche Tole­ranz“ geben kann.

Ador­nos Gedan­ken sind aller­dings nicht die­je­ni­gen Näge­lis. Und die Post­mo­derne brachte die­sen voll­stän­dig ent­ge­gen­ste­hende Ideen hervor.

12. Mai

Heute habe ich neben der all­frei­täg­li­chen Chor­probe wei­tere Arbeits­tref­fen: Ursula Dortans-​Bremm und Jutta Het­ges pro­ben in der Remi­gius­kir­che für ihr Kon­zert am nächs­ten Sonn­tag. Meine wärmste Emp­feh­lung für die­ses Kon­zert - lei­der gibt es zum glei­chen Ter­min andere inner­städ­ti­sche Konzerte.

Nach­mit­tags treffe ich Sabine Ley, Block­flöte und Ther­essa Icking, Vio­line, um das Pro­gramm für die Mati­née am 10. Juni festzuzurren.

Über Musik reden

Musik ist objek­tiv beschreib– und beur­teil­bar. Die­je­ni­gen, die ein musi­ka­li­sches Geschmacks­ur­teil ohne Qua­li­täts­dis­kus­sion abso­lut set­zen (mir gefällt halt die­ses, Dir jenes), tun der Musik unrecht, auch jener, die sie per­sön­lich favo­ri­sie­ren. Eine Dis­kus­sion bedeu­tet gerade, den jeweils ande­ren Stil ernst zu neh­men. „Gel­ten­las­sen“ heißt nicht: nicht diskutieren.

Mem­bra Iesu Nostri

Ich habe, nach­dem ich es schon mehr­fach ins Auge gefasst hatte, für Palm­sonn­tag 2018 ein Kon­zert nur mit der Kur­rende und dem Kan­ta­ten­zy­klus Mem­bra Iesu Nos­tri von Diet­rich Bux­te­hude (1637 - 1707) auf den Plan gesetzt. Eine Musik, die mich sehr fas­zi­niert; ich freue mich auf das Einstudieren.

Am Klos­ter Kamp

Garten am Kloster Kamp

Am Klos­ter Kamp. Nächste Woche spiele ich hier mit bei Bachs Messe in h-​Moll mit dem Vokal­en­sem­ble Dis­so­nanz, Vokal­so­lis­ten und Mit­glie­dern der Duis­bur­ger Phil­har­mo­ni­ker unter Lei­tung von Uwe Sin.

Wahr­heit - eine Annäherung

Eine kurze Dis­kus­sion über ideo­lo­gi­sche Wahr­heits­an­sprü­che in der Post­mo­derne auf der heu­ti­gen Ganz­tags­klau­sur in St. Remi­gius war mir Anlaß, noch­mal ein Youtube-​Video anzu­se­hen: Wahr­heit - eine Annä­he­rung - Ein phi­lo­so­phi­scher Vor­trag zum Begriff der Wahr­heit von Dr. Anselm Hart­mann, gehal­ten im Novem­ber letz­ten Jah­res. Dr. Hart­mann ist Manage­ment Con­sul­tant und bie­tet eine sys­te­mi­sche, pro­zess­ori­en­tierte Fach­be­ra­tung im öster­rei­chi­schen Feldkirch.

Ich. Du. Inklusion.

Ich bin im Rah­men mei­ner Tätig­keit in Grund­schu­len eher am Rande, aber über den Beruf mei­ner Frau inten­siv mit dem Thema „Inklu­sion“ kon­fron­tiert. Ges­tern machte mich in einer Dis­kus­sion Chris­toph Rei­ners auf den heute star­ten­den Kino­film „Ich. Du. Inklu­sion.“ auf­merk­sam. Der Film über die Rea­li­tät der Inklu­si­ons­be­mü­hun­gen in NRW und deren fak­ti­sches Schei­tern wurde an einer Grund­schule in Uedem gedreht und stammt von Tho­mas Binn, den ich aus mei­ner eige­nen Schul­zeit kenne. Zum Kino­start führte der Deutsch­lad­funk ein Inter­view mit ihm: Armuts­er­klä­rung für Deutsch­land.

Erst­kom­mu­ni­on­fei­ern 2017

Es ist gut und not­wen­dig, die den „neuen geist­li­chen Lie­dern“ zuzu­rech­nen­den Num­mern im Gesang­buch auch in Bezug auf das Instru­men­ta­rium adäquat zu beglei­ten. Gerade bei den Erst­kom­mu­ni­on­fei­ern (in unse­rer Pfar­rei gibt es sie­ben) ist mir dies wich­tig, und so danke ich Hol­ger Trel­len­kamp, Ste­fan Trel­len­kamp, Sabine Ley, Felix Schrö­der sowie Britta und Ger­rit Holt­schop­pen für die große Hilfe in die­sen Tagen.

Cra­nach in Düsseldorf

Das Düs­sel­dor­fer Museum Kunst­pa­last lockte mich heute mit sei­ner sehens­wer­ten Lucas-​Cranach-​Ausstellung Meis­ter - Marke - Moderne.

Es mag ein beson­ders tugend­rei­cher Huma­nist gewe­sen sein, der die latei­nisch abge­fasste War­nung vor Cupi­dos Wol­lust sei­nem berühm­ten Akt Venus und Cupido hin­zu­fügte: sie steht jeden­falls in einem äußerst kras­sen Gegen­satz zum sons­ti­gen Gehalt des wirk­lich groß­ar­ti­gen Aktes und erin­nert mich an die Gesund­heits­war­nung auf Ziga­ret­ten­schach­teln („Rau­chen gefähr­det Ihre Gesundheit“).

Kopie, das Spiel mit Nach­ge­mach­tem und Fast-​Originalem ist nicht nur ein höchst aktu­el­ler Topos, son­dern auch das Thema Leila Pazo­o­kis Pro­jekt Fair Trade, das aus den Ergeb­nis­sen eines Wett­be­wer­bes besteht, bei dem 100 Künst­ler 7 Stun­den Zeit beka­men, Cra­nachs Jus­ti­tia zu kopie­ren, ohne das Ori­gi­nal zu sehen. Die dadurch ent­ste­hende Wand mit Kopien die­ses Bil­des im Aus­stel­lungs­be­reich mit den zeit­ge­nös­si­schen Kunst­wer­ken, ist schon allein phy­sisch sehr beeindruckend.

Nach Probe und Dienst war ich noch im Sinfonie­kon­zert in der Vier­sener Fest­halle: Das Orchestre Phil­har­mo­ni­que du Luxem­bourg ergänzte mit Brahms und Mozart jene neu­zeit­li­chen Epo­chen der Kunst­ge­schichte, die mir an die­sem Tag noch gefehlt hat­ten. Des­sen Lei­ter, Gus­tavo Gimeno beein­druckte mich eher durch das, was er durch seine recht gro­ßen Diri­gier­be­we­gun­gen bewußt nicht anzeigte. Fas­zi­nie­rend für mich: Den Solis­ten Dais­hin Kashi­moto, Vio­line und Ami­hai Grosz, Viola gelang der offen­sicht­lich hete­ro­ge­nen Klang­lich­keit ihrer Instru­mente und auch ihrer eige­nen dif­fe­rie­ren­den Klang­vor­stel­lun­gen zum Trotz ein ago­gisch extrem gut auf­ein­an­der abge­stimm­tes Spiel.

Mozart­ves­per

Ich habe mir heute nach län­ge­rem mal Zeit genom­men, Mozarts Ves­pe­rae solen­nes de con­fes­sore ganz zu hören. Und wie­der fiel mir auf, wie sehr „Kom­po­si­tion“ auch satz­über­grei­fend zu ver­te­hen ist: Das - mit Ver­laub - tot­ge­spielte Lau­date Domi­num ist im Kon­text der ande­ren Sätze, ins­be­son­dere der unmit­tel­bar vor ihm ste­hen­den und zu Mozarts Zeit sicher archa­isch anmu­ten­den Fuge Lau­date Pueri von ganz ande­rem Schmelz als auf die­sen unsäg­li­chen „Highlights“-Sammlungen.

Hän­sel und Gretel

Heute war ich mit mei­ner Fami­lie in der HfMT Köln in einer sehr gelun­ge­nen Nach­mit­tags­vor­stel­lung von Hum­per­dincks Oper „Hän­sel und Gre­tel“ unter Lei­tung mei­nes groß­ar­ti­gen Vier­sener Organisten-​Kollegen Prof. Ste­phan E. Wehr.

Es war schön zu sehen, daß viele Kin­der anwe­send waren. Sie umring­ten in der Pause und wäh­rend des Stim­mens zum drit­ten Akt den Orches­ter­gra­ben neu­gie­rig; ein sehr schö­nes Bild.

Aua Maria

Wie­der wurde von mir zu einer Beer­di­gung „das Ave Maria” gewünscht. Falls der Wunsch nicht mit­tel­bar an mich her­an­ge­tra­gen wird, ent­steht meist zunächst Ver­wir­rung dar­über, dass diese Bezeich­nung alles andere als ein­deu­tig ist: es gibt ja tau­sende Ver­to­nun­gen die­ses Tex­tes. In den meis­ten Fäl­len ist Bachs C-​Dur-​Präludium BWV 846 gemeint, dem Charles Gounod 1852 neben dem Schwencke­schen Takt ziem­lich gelun­gen eine Melo­die hinzufügte.

Nun wäre es eine Illu­sion anzu­neh­men, als Musi­ker einen klar defi­nier­ten oder auch nur defi­nier­ba­ren Gehalt zu trans­por­tie­ren, und der Hin­weis auf die Inter­text­ua­li­tät von Kunst­wer­ken wäre gerade in die­sem Fall eine Pla­ti­tude. Den­noch frage ich mich im vol­len Bewußt­sein inter­pre­ta­to­ri­scher und rezep­to­ri­scher Unkon­trol­lier­bar­keit: Ist es über­haupt noch rezi­pier­bar? Seit das Stück infla­tio­när in Kauf­häu­sern, Fahr­stüh­len, Weih­nachts­märk­ten und zu allen Hand­lun­gen erklingt, die irgend­je­mand als sakral oder beson­ders fromm - oder eben auch genau dies nicht - emp­fin­det, voll­kom­men jen­seits irgend­wel­cher inhalt­li­cher (z.B.: maria­ni­scher) Zusam­men­hänge, erscheint es sei­nes ori­gi­nä­ren Gehalts so nach­hal­tig ent­leert wie eine weiße Projektionsfläche.

Da stellt sich schon die Frage, warum jemand sich die­ses Stück wünscht. Oder bes­ser: warum ihm der Vor­zug vor ande­ren Stü­cken gege­ben wer­den soll.

Meine Reak­tion besteht regel­mä­ßig darin, aus Respekt vor den Wün­schen trau­ern­der Ange­hö­ri­ger die Zusage zu machen, „die Melo­die“ zu spie­len. Und dann greife ich auf eine Bear­bei­tung mei­nes Vor-​Vorgängers zurück, die die­ser vor min­des­tens 50, wahr­schein­lich schon 60 Jah­ren mit Tinte auf ein dickes Stück Papier gemalt hat. Mein unmit­tel­ba­rer Vor­gän­ger hat es mir über­las­sen, und ich trage es als Digi­ta­li­sat nor­ma­ler­weise bei mir. Es erklingt mit­hin nicht „das Ave Maria“, son­dern eine Bear­bei­tung der Bear­bei­tung der Vor­lage. Die Melo­die ist prä­sent, auch die Har­mo­nien. Bachs Figu­ra­tio­nen dage­gen kaum. Ein Torso, des­sen Auf­füh­rung mir einer­seits ange­sichts der Kom­po­si­ti­ons­ge­schichte des Stücks selbst und ande­rer­seits ange­sichts der an St. Remi­gius mit­hin ein hal­bes Jahr­hun­dert von kom­pe­ten­ter Hand herr­schen­den Pra­xis gerecht­fer­tigt erscheint.

Die Infra­ge­stel­lung durch die Rezep­ti­ons­ge­schichte und die damit ver­bun­dene Frage, ob es nicht bes­ser wäre, das Stück um des Stücks Wil­len vor­über­ge­hend ein­fach zu ver­ges­sen, bleibt aller­dings bestehen.