Thorsten Konigorski

Kunst­werke vergleichen

Auf dem Weg zur Gene­ral­probe für die Auf­füh­rung der h-​Moll-​Messe im Klos­ter Kamp heute bin ich ins Grü­beln gera­ten: Es gibt wohl kaum eine Auf­füh­rung die­ser Messe, bei der nicht deren ers­ter Ver­le­ger, Hans Georg Nägeli, im Pro­gramm­heft zitiert wird; er kün­digt den Erst­druck 1818 in der All­ge­mei­nen musi­ka­li­schen Zei­tung mit den Wor­ten an, es handle sich bei der h-​Moll-​Messe um das größte musi­ka­li­sche Kunst­werk aller Zei­ten und Völ­ker.

Mög­li­cher­weise war das nur eine Marketing­strategie. Aber des­sen unge­ach­tet ist es offen­sicht­lich eine nicht ernst­haft auf­zu­stel­lende Behaup­tung, sowohl der glo­ba­len, als auch der über­zeit­li­chen Per­spek­tive wegen. Michael Prä­to­rius sah das Ende der Musik­ge­schichte gekom­men, Gesualdo da Venosa wähnte sich kom­po­si­to­risch ebenso in einer Sack­gasse wie es spä­ter Gus­tav Mah­ler emp­fun­den haben muss: sie alle konn­ten nicht vor­aus­ah­nen, was nach ihnen - und anderswo - noch Groß­ar­ti­ges zu schaf­fen mög­lich wurde. Warum sollte das auf Nägeli nicht zutref­fen? Mich sto­ßen daher Hybris und Pathos der Aus­sage Näge­lis ab - unab­hän­gig davon, wie sehr ich die h-​Moll-​Messe liebe und verehre.

Mir stellt sich die Frage, inwie­fern und ob man über­haupt Kunst­werke mit­ein­an­der ver­glei­chen kann. Anselm Hart­mann ant­wor­tete mal auf die Frage, wel­ches Musik­stück in sei­nen Augen das größte sei, mit dem Satzt: „Immer das­je­nige, das ich gerade übe.“ Diese Ant­wort hat eine Kom­po­nente, die sich erst auf den zwei­ten Blick erschließt: nicht nur wählt der Künst­ler selbst­ver­ständ­lich das Kunst­werk aus, das ihm gefällt. Auch das Kunst­werk selbst bewirkt Attrak­tion, es spricht den Künst­ler an, und je tief­schür­fen­der die­ser sich mit ihm beschäf­tigt, desto mehr.

Theo­dor W. Adorno unter­stellt dem Kunst­werk viel mehr, Inten­tion und Wil­len: Der „eigen­tüm­li­che“ Zwang, unver­gleich­li­che Kunst­werke mit­ein­an­der zu ver­glei­chen und gegen­ein­an­der zu wer­ten sei „in den Kunst­wer­ken sel­ber gele­gen. Soviel ist wahr, ver­glei­chen las­sen sie sich nicht. Aber sie wol­len ein­an­der vernichten.“

Ver­nich­tungs­wil­lige, destruk­tive Kunst­werke? Ein befremd­li­cher Gedanke, wenn es doch um Schön­heit gehen soll. Und es ist genau der abso­lute Schön­heits­an­spruch, den nach Adorno jedes Werk unge­teilt und voll­kom­men für sich bean­sprucht. So tota­li­tär, daß es in sei­nen Augen kein Neben­ein­an­der von Kunst­wer­ken, keine „ästhe­ti­sche Tole­ranz“ geben kann.

Ador­nos Gedan­ken sind aller­dings nicht die­je­ni­gen Näge­lis. Und die Post­mo­derne brachte die­sen voll­stän­dig ent­ge­gen­ste­hende Ideen hervor.

12. Mai

Heute habe ich neben der all­frei­täg­li­chen Chor­probe wei­tere Arbeits­tref­fen: Ursula Dortans-​Bremm und Jutta Het­ges pro­ben in der Remi­gius­kir­che für ihr Kon­zert am nächs­ten Sonn­tag. Meine wärmste Emp­feh­lung für die­ses Kon­zert - lei­der gibt es zum glei­chen Ter­min andere inner­städ­ti­sche Konzerte.

Nach­mit­tags treffe ich Sabine Ley, Block­flöte und Ther­essa Icking, Vio­line, um das Pro­gramm für die Mati­née am 10. Juni festzuzurren.

Über Musik reden

Musik ist objek­tiv beschreib– und beur­teil­bar. Die­je­ni­gen, die ein musi­ka­li­sches Geschmacks­ur­teil ohne Qua­li­täts­dis­kus­sion abso­lut set­zen (mir gefällt halt die­ses, Dir jenes), tun der Musik unrecht, auch jener, die sie per­sön­lich favo­ri­sie­ren. Eine Dis­kus­sion bedeu­tet gerade, den jeweils ande­ren Stil ernst zu neh­men. „Gel­ten­las­sen“ heißt nicht: nicht diskutieren.

Mem­bra Iesu Nostri

Ich habe, nach­dem ich es schon mehr­fach ins Auge gefasst hatte, für Palm­sonn­tag 2018 ein Kon­zert nur mit der Kur­rende und dem Kan­ta­ten­zy­klus Mem­bra Iesu Nos­tri von Diet­rich Bux­te­hude (1637 - 1707) auf den Plan gesetzt. Eine Musik, die mich sehr fas­zi­niert; ich freue mich auf das Einstudieren.

Am Klos­ter Kamp

Garten am Kloster Kamp

Am Klos­ter Kamp. Nächste Woche spiele ich hier mit bei Bachs Messe in h-​Moll mit dem Vokal­en­sem­ble Dis­so­nanz, Vokal­so­lis­ten und Mit­glie­dern der Duis­bur­ger Phil­har­mo­ni­ker unter Lei­tung von Uwe Sin.

Wahr­heit - eine Annäherung

Eine kurze Dis­kus­sion über ideo­lo­gi­sche Wahr­heits­an­sprü­che in der Post­mo­derne auf der heu­ti­gen Ganz­tags­klau­sur in St. Remi­gius war mir Anlaß, noch­mal ein Youtube-​Video anzu­se­hen: Wahr­heit - eine Annä­he­rung - Ein phi­lo­so­phi­scher Vor­trag zum Begriff der Wahr­heit von Dr. Anselm Hart­mann, gehal­ten im Novem­ber letz­ten Jah­res. Dr. Hart­mann ist Manage­ment Con­sul­tant und bie­tet eine sys­te­mi­sche, pro­zess­ori­en­tierte Fach­be­ra­tung im öster­rei­chi­schen Feldkirch.

Ich. Du. Inklusion.

Ich bin im Rah­men mei­ner Tätig­keit in Grund­schu­len eher am Rande, aber über den Beruf mei­ner Frau inten­siv mit dem Thema „Inklu­sion“ kon­fron­tiert. Ges­tern machte mich in einer Dis­kus­sion Chris­toph Rei­ners auf den heute star­ten­den Kino­film „Ich. Du. Inklu­sion.“ auf­merk­sam. Der Film über die Rea­li­tät der Inklu­si­ons­be­mü­hun­gen in NRW und deren fak­ti­sches Schei­tern wurde an einer Grund­schule in Uedem gedreht und stammt von Tho­mas Binn, den ich aus mei­ner eige­nen Schul­zeit kenne. Zum Kino­start führte der Deutsch­lad­funk ein Inter­view mit ihm: Armuts­er­klä­rung für Deutsch­land.

Erst­kom­mu­ni­on­fei­ern 2017

Es ist gut und not­wen­dig, die den „neuen geist­li­chen Lie­dern“ zuzu­rech­nen­den Num­mern im Gesang­buch auch in Bezug auf das Instru­men­ta­rium adäquat zu beglei­ten. Gerade bei den Erst­kom­mu­ni­on­fei­ern (in unse­rer Pfar­rei gibt es sie­ben) ist mir dies wich­tig, und so danke ich Hol­ger Trel­len­kamp, Ste­fan Trel­len­kamp, Sabine Ley, Felix Schrö­der sowie Britta und Ger­rit Holt­schop­pen für die große Hilfe in die­sen Tagen.

Cra­nach in Düsseldorf

Das Düs­sel­dor­fer Museum Kunst­pa­last lockte mich heute mit sei­ner sehens­wer­ten Lucas-​Cranach-​Ausstellung Meis­ter - Marke - Moderne.

Es mag ein beson­ders tugend­rei­cher Huma­nist gewe­sen sein, der die latei­nisch abge­fasste War­nung vor Cupi­dos Wol­lust sei­nem berühm­ten Akt Venus und Cupido hin­zu­fügte: sie steht jeden­falls in einem äußerst kras­sen Gegen­satz zum sons­ti­gen Gehalt des wirk­lich groß­ar­ti­gen Aktes und erin­nert mich an die Gesund­heits­war­nung auf Ziga­ret­ten­schach­teln („Rau­chen gefähr­det Ihre Gesundheit“).

Kopie, das Spiel mit Nach­ge­mach­tem und Fast-​Originalem ist nicht nur ein höchst aktu­el­ler Topos, son­dern auch das Thema Leila Pazo­o­kis Pro­jekt Fair Trade, das aus den Ergeb­nis­sen eines Wett­be­wer­bes besteht, bei dem 100 Künst­ler 7 Stun­den Zeit beka­men, Cra­nachs Jus­ti­tia zu kopie­ren, ohne das Ori­gi­nal zu sehen. Die dadurch ent­ste­hende Wand mit Kopien die­ses Bil­des im Aus­stel­lungs­be­reich mit den zeit­ge­nös­si­schen Kunst­wer­ken, ist schon allein phy­sisch sehr beeindruckend.

Nach Probe und Dienst war ich noch im Sinfonie­kon­zert in der Vier­sener Fest­halle: Das Orchestre Phil­har­mo­ni­que du Luxem­bourg ergänzte mit Brahms und Mozart jene neu­zeit­li­chen Epo­chen der Kunst­ge­schichte, die mir an die­sem Tag noch gefehlt hat­ten. Des­sen Lei­ter, Gus­tavo Gimeno beein­druckte mich eher durch das, was er durch seine recht gro­ßen Diri­gier­be­we­gun­gen bewußt nicht anzeigte. Fas­zi­nie­rend für mich: Den Solis­ten Dais­hin Kashi­moto, Vio­line und Ami­hai Grosz, Viola gelang der offen­sicht­lich hete­ro­ge­nen Klang­lich­keit ihrer Instru­mente und auch ihrer eige­nen dif­fe­rie­ren­den Klang­vor­stel­lun­gen zum Trotz ein ago­gisch extrem gut auf­ein­an­der abge­stimm­tes Spiel.

Mozart­ves­per

Ich habe mir heute nach län­ge­rem mal Zeit genom­men, Mozarts Ves­pe­rae solen­nes de con­fes­sore ganz zu hören. Und wie­der fiel mir auf, wie sehr „Kom­po­si­tion“ auch satz­über­grei­fend zu ver­te­hen ist: Das - mit Ver­laub - tot­ge­spielte Lau­date Domi­num ist im Kon­text der ande­ren Sätze, ins­be­son­dere der unmit­tel­bar vor ihm ste­hen­den und zu Mozarts Zeit sicher archa­isch anmu­ten­den Fuge Lau­date Pueri von ganz ande­rem Schmelz als auf die­sen unsäg­li­chen „Highlights“-Sammlungen.

Hän­sel und Gretel

Heute war ich mit mei­ner Fami­lie in der HfMT Köln in einer sehr gelun­ge­nen Nach­mit­tags­vor­stel­lung von Hum­per­dincks Oper „Hän­sel und Gre­tel“ unter Lei­tung mei­nes groß­ar­ti­gen Vier­sener Organisten-​Kollegen Prof. Ste­phan E. Wehr.

Es war schön zu sehen, daß viele Kin­der anwe­send waren. Sie umring­ten in der Pause und wäh­rend des Stim­mens zum drit­ten Akt den Orches­ter­gra­ben neu­gie­rig; ein sehr schö­nes Bild.

Aua Maria

Wie­der wurde von mir zu einer Beer­di­gung „das Ave Maria” gewünscht. Falls der Wunsch nicht mit­tel­bar an mich her­an­ge­tra­gen wird, ent­steht meist zunächst Ver­wir­rung dar­über, dass diese Bezeich­nung alles andere als ein­deu­tig ist: es gibt ja tau­sende Ver­to­nun­gen die­ses Tex­tes. In den meis­ten Fäl­len ist Bachs C-​Dur-​Präludium BWV 846 gemeint, dem Charles Gounod 1852 neben dem Schwencke­schen Takt ziem­lich gelun­gen eine Melo­die hinzufügte.

Nun wäre es eine Illu­sion anzu­neh­men, als Musi­ker einen klar defi­nier­ten oder auch nur defi­nier­ba­ren Gehalt zu trans­por­tie­ren, und der Hin­weis auf die Inter­text­ua­li­tät von Kunst­wer­ken wäre gerade in die­sem Fall eine Pla­ti­tude. Den­noch frage ich mich im vol­len Bewußt­sein inter­pre­ta­to­ri­scher und rezep­to­ri­scher Unkon­trol­lier­bar­keit: Ist es über­haupt noch rezi­pier­bar? Seit das Stück infla­tio­när in Kauf­häu­sern, Fahr­stüh­len, Weih­nachts­märk­ten und zu allen Hand­lun­gen erklingt, die irgend­je­mand als sakral oder beson­ders fromm - oder eben auch genau dies nicht - emp­fin­det, voll­kom­men jen­seits irgend­wel­cher inhalt­li­cher (z.B.: maria­ni­scher) Zusam­men­hänge, erscheint es sei­nes ori­gi­nä­ren Gehalts so nach­hal­tig ent­leert wie eine weiße Projektionsfläche.

Da stellt sich schon die Frage, warum jemand sich die­ses Stück wünscht. Oder bes­ser: warum ihm der Vor­zug vor ande­ren Stü­cken gege­ben wer­den soll.

Meine Reak­tion besteht regel­mä­ßig darin, aus Respekt vor den Wün­schen trau­ern­der Ange­hö­ri­ger die Zusage zu machen, „die Melo­die“ zu spie­len. Und dann greife ich auf eine Bear­bei­tung mei­nes Vor-​Vorgängers zurück, die die­ser vor min­des­tens 50, wahr­schein­lich schon 60 Jah­ren mit Tinte auf ein dickes Stück Papier gemalt hat. Mein unmit­tel­ba­rer Vor­gän­ger hat es mir über­las­sen, und ich trage es als Digi­ta­li­sat nor­ma­ler­weise bei mir. Es erklingt mit­hin nicht „das Ave Maria“, son­dern eine Bear­bei­tung der Bear­bei­tung der Vor­lage. Die Melo­die ist prä­sent, auch die Har­mo­nien. Bachs Figu­ra­tio­nen dage­gen kaum. Ein Torso, des­sen Auf­füh­rung mir einer­seits ange­sichts der Kom­po­si­ti­ons­ge­schichte des Stücks selbst und ande­rer­seits ange­sichts der an St. Remi­gius mit­hin ein hal­bes Jahr­hun­dert von kom­pe­ten­ter Hand herr­schen­den Pra­xis gerecht­fer­tigt erscheint.

Die Infra­ge­stel­lung durch die Rezep­ti­ons­ge­schichte und die damit ver­bun­dene Frage, ob es nicht bes­ser wäre, das Stück um des Stücks Wil­len vor­über­ge­hend ein­fach zu ver­ges­sen, bleibt aller­dings bestehen.

19. April

Am Sonn­tag war der Musik­wis­sen­schaft­ler und Jour­na­list Guido Kra­win­kel zur Oster­messe in die Remi­gius­kir­che gekom­men. Ein net­ter Kon­takt, wir nutz­ten die Gele­gen­heit zu einem kur­zen und freund­li­chen Gedankenaustausch.

Dekon­struk­tion mit Rosinenbrot

Lese die neu­es­ten Nach­rich­ten im Kaf­fee­satz von gestern,

in meh­re­ren Spra­chen, Ein­schrei­bung oder Aufzeichnung:

Ich scharre mit den Füßen und unter­wan­dere den Frühstückstisch.

Der Mor­gen dekon­stru­iert mich mit Rosinenbrot.“

(aus: Mar­cel Feld­berg, Tage­buch)

Probe Sta­bat Mater

Der Nach­mit­tag heute war geprägt von einer kon­zen­trier­ten und inten­si­ven Probe für das Kon­zert mor­gen in St. Remi­gius. Bei den Strei­chern hat es eine Umbe­set­zung gege­ben: die Cel­lo­par­tie spielt nun The­resa Ondruj (aller­dings … auf einem ana­lo­gen Cello).

Ich freue mich sehr auf das Kon­zert, ins­be­son­dere auf die bei­den Solis­tin­nen. Die Probe war sehr vielversprechend.

Oster­vor­be­rei­tun­gen

Am Oster­sonn­tag steht in der Remi­gius­kir­che die Messe solen­nelle in cis-​Moll von Louis Vierne (1870 - 1937) für Chor und zwei Orgeln (und in die­sem Fall: Strei­ch­en­sem­ble) auf dem Pro­gramm. Das Noten­ma­te­rial zur Messe hat freund­li­cher­weise Hugo Rede­cker im letz­ten Jahr gestif­tet; sie passt her­vor­ra­gend zur fran­zö­si­schen Haupt­or­gel der Remigiuskirche.

Ges­tern abend hatte ich mit ihm und Mar­tin Hönig schon eine Probe zur dritt, um die Koor­di­na­tion zwi­schen Chor-​und Haupt­or­gel vor Ort aus­zu­lo­ten. Selbst in der rela­tiv klei­nen Remi­gius­kir­che ist das akus­tisch nicht unpro­ble­ma­tisch. Frei­lich bin ich davon über­zeugt, daß Vierne eine gewisse Unschärfe mit ein­kom­po­niert hat: wie sonst hat das in den Pari­ser Kathe­dra­len funk­tio­nie­ren kön­nen (das Kir­chen­schiff von Notre-​Dame ist im Inne­ren 130 Meter lang; St.-Sulpice, wo die Messe 1901 urauf­ge­führt wurde, 118 Meter)?

Heute haben wir beide Orgeln der Remi­gius­kir­che gestimmt (Dank an Tobias Mes­terom und Lea Kynast), und mor­gen wird es dann die Gene­ral­probe mit allen Betei­lig­ten geben.

Live music hall, Köln

Dat Adam

Ges­tern war ich mit mei­ner Toch­ter in der Köl­ner Live Music Hall auf einem Kon­zert mit Dat Adam.

Da ich mit die­ser Musik eher wenig anfan­gen kann, gab es mir Gele­gen­heit, Milieu­stu­dien zu betrei­ben: die eigent­lich zu jun­gen Hauptsache-​wie-​zwanzig-​aussehen-​Teenager, die auf den letz­ten Drü­cker Erwach­sene suchen, die sie an der Kasse als Begleit­per­so­nen ange­ben kön­nen, die Müt­ter, die am Rand ste­hend Ruck­sä­cke wild­frem­der Per­so­nen in Obhut neh­men mit der Zusage, sich wäh­rend des Kon­zerts nicht vom Fleck zu rüh­ren, die vie­len bis zur Uni­for­mi­tät indi­vi­dua­li­sier­ten Teen­ager, sich als depla­ziert wahr­neh­mende Väter wie mich, die nur da waren, um ihren nicht voll­jäh­ri­gen Kin­dern die Teil­nahme zu ermög­li­chen (man traf sich schon vor Ende des Kon­zerts außer­halb der Halle am Bier­stand, sehr nette Gesprä­che übri­gens, oder sagen wir sze­ne­ty­pisch: nice), und die am Ende des Kon­zert zum Merch stre­ben­den Besu­cher im Stu­den­ten­al­ter, die rasch bei den war­ten­den Eltern vor­bei­ka­men mit dem Ruf „Mama, ich brauch Geld“.

Adorno Glück

Ich wälze Theo­dor W. Ador­nos Satz: „Kunst ist das Ver­spre­chen des Glücks, das gebro­chen wird“, der natür­lich in der Nega­tion zu ver­ste­hen ist: Wenn sich Kunst­werke dem fal­schen Schein unmit­tel­ba­rer sinnlich-​mimetischer Glück­ser­fah­rung zuguns­ten konstruktiv-​geistiger Beschaf­fen­heit ver­wei­gern, kön­nen sie gerade in der „Absage an das Kin­der­glü­cke“ zur „Alle­go­rie schein­los gegen­wär­ti­gen Glücks“ werden.

Adorno, GS 7, S. 205 ff

Christa Dree­sen Rohm

Heute beer­di­gen wir Christa Dreesen-​Rohm, die am letz­ten Mitt­woch im Alter von 63 Jah­ren ver­stor­ben ist.

Nach­dem sie mich - es muss 2011 gewe­sen sein - um Orgel­un­ter­richt gebe­ten hatte, kam sie gewisse Zeit spä­ter auch in den Remi­giuschor und ließ sich auch auf diverse Pro­jekte ande­rer Chöre von mir ein. Ich erin­nere mich gut an die Hoch­zeit ihrer Toch­ter in der für diese Zwe­cke prä­des­ti­niert erschei­nen­den Kapelle „Klein Jeru­sa­lem“, die wir in Cross-​Over-​Manier mit Band und Pro­jekt­chor stemm­ten. Sie hatte ein kir­chen­mu­si­ka­li­sches C-​Examen und teilte mit mir die Fas­zi­na­tion für die Kon­tra­punk­tik Frober­gers, der wir im Unter­richt gemein­sam nachspürten.

Möge sie ruhen in Frieden!

Bin­nen eines Monats habe ich nun krebs­be­dingt und viel zu früh zwei mei­ner Orgel­schü­le­rin­nen ver­lo­ren. Bis­her ein schreck­li­ches Jahr.