Thorsten Konigorski

Nach­lese

Von Thorsten Konigorski nach dem Vesperkonzert (https://www.thorsten-konigorski.de/journal/14-01-2019/)

Ich bin allen Mit­wir­ken­den des Kon­zerts ges­tern außer­or­dent­lich dank­bar. Allen voran Chor und Solis­ten, aber auch dem Orches­ter unter Ver­mitt­lung der seit Jah­ren groß­ar­tig zuver­läs­si­gen Ania Kai­ser.

Mit der Auf­füh­rung endete für den Chor eine unge­wöhn­lich lange, inten­sive Vor­be­rei­tung. Denn ursprüng­lich hat­ten wir das Kon­zert für das Remi­gius­fest im Okto­ber 2018 ange­setzt, die vor­ge­zo­gene Reno­vie­rung der Remi­gius­kir­che hatte aber die Ver­schie­bung not­wen­dig gemacht. Dabei habe ich ins­be­son­dere Mozarts Ves­pe­rae solen­nes de con­fes­sore KV 339 – wie es mir häu­fig mit den aktu­el­len Chor­stü­cken ergeht – im Laufe der Vor­be­rei­tung noch mehr zu schät­zen gelernt, als ich es ohne­hin schon tat. Sie ist für mich ein Werk, das exem­pla­risch zeigt, wie Musik satz­über­grei­fend gedacht, kom­po­niert wird. Wohl­klang, Eben­maß und Lieb­lich­keit des berühm­ten und oft soli­tär auf­ge­führ­ten Lau­date domi­num bei­spiels­weise gewin­nen eine ungleich grö­ßere Tiefe, wenn es im Kon­text der ande­ren Psal­men, kon­kret: nach dem her­ben, schon von den Zeit­ge­nos­sen sicher als archa­isch emp­fun­de­nen Charme der nach har­mo­nisch recht sta­ti­schen Pas­sa­gen über eine gera­dezu erup­tive Amen-​Sequenz in einen terzlos-​leeren d-​Klang mün­den­den Laudate-​pueri-Fuge erklingt.

Es gab eine Reihe von Hür­den für den Chor. Neben den übli­chen musi­ka­li­schen Klip­pen ist hier unbe­dingt der Text zu nen­nen. Er sorgt wegen der latei­ni­schen Spra­che für einen sub­jek­tiv nur mit­tel­ba­ren inhalt­li­chen Text-​Ton-​Bezug, und es han­delt sich oben­drein über weite Stre­cken um einen dem vor­nehm­lich mit Ordi­na­ri­ums­ver­to­nun­gen ver­trau­ten Chor­sän­ger eher frem­den Text. Musikalisch-​ideell vor­wie­gend im 17. Jahr­hun­dert ver­wur­zelt, ist das Mozart-​Repertoire des Remi­giuscho­res im Ver­gleich zu vie­len ande­ren Kir­chen­chö­ren ver­hält­nis­mä­ßig schmal. Als grö­ße­res Pro­jekt hat­ten wir bis­her ledig­lich das Requiem im Pro­gramm. Es war also viel zu tun und ein har­tes Stück Arbeit.

Mit die­sem Kon­zert ist auch die Reihe der Chor­pro­jekte in St. Remi­gius unter mei­ner Lei­tung been­det. Der Chor hatte des­halb einen an das Kon­zert anschlie­ßen­den Emp­fang vor­be­rei­tet, und es gab ein Ständ­chen der Instru­men­ta­lis­ten; bei­des hat mich sehr gerührt und erfreut.

Wäh­rend der Pro­ben mit unse­rer Kon­zert­meis­te­rin Chi­sato kamen mir, mit­tels ebenso diplo­ma­ti­scher wie kla­rer Ansa­gen um ange­nehme Arbeits­at­mo­sphäre und musi­ka­li­sche Qua­li­tät glei­cher­ma­ßen rin­gend, wie­der­holt Aus­sa­gen eines Inter­views in den Sinn, das sie zusam­men mit dem est­län­di­schen GMD Mih­kel Küt­son an Sil­ves­ter der Rhei­ni­schen Post gege­ben hatte und das mich amü­siert hat. Darin zeigt sie sich „über­rascht, wie direkt die Men­schen hier sind“, und Küt­son stellt die These auf: „Ein nie­der­rhei­ni­sches Ur-​Gestein wäre ein schlech­ter Orches­ter­lei­ter“. Nun, ich bin zwar ganz sicher kein Urge­stein, aber durch und durch nie­der­rhei­nisch (oder, mit Wor­ten Hanns Die­ter Hüschs: Meine Musik ist nie­der­rhei­nisch ¶ Der Nie­der­rhein ist meine Musik ¶ All meine Reli­gio­si­tät ¶ ist nie­der­rhei­nisch ¶ Aber wenn du mich fragst Warum ¶ könnt ich als schwarz­weiße Kuh ¶ auf den Fel­dern um Ker­ken lie­gen ¶ und die Aus­sage ver­wei­gern *). Daher möchte ich – völ­lig jen­seits der Frage nach der Qua­li­tät mei­ner Lei­tung – zum Aus­druck brin­gen, wie bewe­gend für mich gerade die Tat­sa­che ist, daß wir ges­tern in Chor und Orches­ter Ver­tre­ter einer Viel­zahl von Natio­nen und regio­nal repräg­ter Men­ta­li­tä­ten künst­le­risch ver­eint sahen. Die Musik ver­bin­det uns - wirklich.