Thorsten Konigorski

Ein maß­stäb­li­cher Messias

Der „Mes­sias“ von Hän­del gehört sicher­lich zu den belieb­tes­ten und am häu­figs­ten auf­ge­führ­ten Ora­to­rien. Ebenso viel­fäl­tig (und manch­mal wenig nach­voll­zieh­bar) sind die diver­sen Inter­pre­ta­tio­nen. Eine beson­ders geglückte Wie­der­gabe hin­ge­gen gelang der Chor­ge­mein­schaft „Cäci­lia, St. Remi­gius“ – „Evan­ge­li­sche Kan­to­rei Vier­sen“ im Ver­ein mit dem „Sin­fo­ni­schen Col­le­gium Essen“ und aus­ge­zeich­ne­ten Solis­ten in der lücken­los besetz­ten Remigiuskirche.

Der evan­ge­li­sche Kan­tor Daniel Plöhn und Remigius-​Kantor Thors­ten Koni­gor­ski hat­ten sich bei der Pro­ben­ar­beit dar­auf ver­stän­digt, ihr Augen­merk auf dyna­mi­sche Viel­falt, klare Arti­ku­la­tion, deut­li­che Dekla­ma­tion und – selbst im Forte – größt­mög­li­che Durch­sich­tig­keit zu legen. Die enga­gier­ten Cho­ris­ten setz­ten diese inten­si­ven Pro­be­mü­hen vor­bild­lich um und über­zeug­ten sowohl in den jubi­lie­ren­den als auch in den erns­ten Chorsätzen.

Dar­über hin­aus ver­stan­den sie es – bei unta­de­li­ger Into­na­tion – das zah­len­mä­ßige Ungleich­ge­wicht zwi­schen Sopran und Alt einer­seits sowie Tenor und Bass ande­rer­seits, geschickt aus­zu­glei­chen. Auf­merk­sam folg­ten sie dem sou­ve­rä­nen, moti­vie­ren­den und sän­ger­freund­li­chen Diri­gat Koni­gorskis. Ein Orches­ter, auf das sich alle blind ver­las­sen konn­ten, ist das „Sin­fo­ni­sche Col­le­gium“. Abge­se­hen von all­zu­viel Ton­in­ten­si­tät der 1. Gei­gen an For­te­stel­len gefie­len alle Instru­men­ten­grup­pen bes­tens. Die ein­schmei­chelnde „Pifa“, die Hir­ten­mu­sik, geriet unter den kun­di­gen Hän­den der Strei­cher zum Juwel. Ein Son­der­lob auch den treff­li­chen Trom­pe­ten. Daniel Plöhn an der Cho­r­or­gel und Mar­tin Hönig am Cem­balo kom­plet­tier­ten das Instrumentarium.

Vol­ker Mer­tens hatte durch seine fes­selnde Inter­pre­ta­tion die Sym­pa­thien der Zuhö­rer sofort auf sei­ner Seite. Sei­nem leuch­ten­den Bass-​Bariton ste­hen vom lyri­schen Piano bis zum fast mar­tia­li­schen Aus­bruch alle Facet­ten zu Gebote. Nicht weni­ger über­zeugte Wal­ter Drees, der mit warm getön­tem, aus­drucks­star­kem Tenor ergrei­fend zu inter­pre­tie­ren wusste. Auch Louise Rijs, deren volu­mi­nö­ser Alt nicht immer ruhig geführt war, gewann durch ihre inten­sive Gestal­tungs­kraft. Über­dies beherrscht sie famos die baro­cke Verzierungstechnik.

Dem Ver­neh­men nach war Sopra­nis­tin Anja Dewey stark erkäl­tet. Umso mehr ist ihre höhen­si­chere und stimm­tech­nisch ein­wand­freie Leis­tung zu wür­di­gen. Gewisse Inter­pre­ta­ti­ons­de­fi­zite sind dann alle­mal zu ent­schul­di­gen. Nach mehr als zwei Stun­den Auf­füh­rungs­zeit fragte man sich, wo denn die Zeit geblie­ben sei. Ein schö­ne­res Kom­pli­ment ist den Akteu­ren kaum zu machen.

Zur Auf­füh­rung Hän­dels „Mes­sias” — Rhei­ni­sche Post vom 07. April 2009.