Thorsten Konigorski

Musi­zie­rende Nachbarn

Von Thorsten Konigorski Der „Spiegel” veröffentlichte am 1. Mai einen „Verriss” mit dem Titel „Fenster zu!” (https://www.thorsten-konigorski.de/journal/02-05-2020/)

Der Spie­gel ver­öf­fent­lichte am 1. Mai einen Ver­riss mit dem Titel „Fens­ter zu, ver­dammt!”

War ich beim Lesen zunächst köst­lich amü­siert durch die Spra­che (Von Wei­tem hielt ich sein Getröte zunächst für eine der Posau­nen aus der Johan­ne­s­of­fen­ba­rung. Ich wollte mich schon ent­nervt auf­ma­chen und wütend durch mei­nen Kiez tho­mas­bern­har­den.) und den Inhalt (Haben Sie schon­mal eine*n Geigenschüler*in bei den ers­ten Spiel­ver­su­chen gehört?) glei­cher­ma­ßen, läßt er mich nun, einen Tag spä­ter, zwie­ge­spal­ten zurück.

Als Musi­ker bin ich ver­hält­nis­mä­ßig emp­find­lich mit dem, was an mein Ohr dringt. Da reicht es bis­wei­len schon, wenn im Nach­bar­shaus das Besteck wie­der Stück für Stück in die Schub­lade gepackt wird. Die Frage aber ist doch: wie­viel Halb­fer­ti­ges, wie­viel „Zwi­schen­stand“ wird von der Gesell­schaft ge– und auch ertra­gen? Das Inter­net wim­melt von Kalen­der­sprü­chen der Marke „Der Weg ist das Ziel“, und doch drängt sich mir gerade für den künst­le­ri­schen Bereich als Mehr­heits­mei­nung die Hal­tung auf: Wer es (noch) nicht kann, sollte es bes­ser sein lassen.

Nichts ist leich­ter zu dif­fa­mie­ren als musikalisch-​künstlerische Zwi­schen­er­geb­nisse — der Bei­spiele sind Legion: Kom­men­tare zu künst­le­risch natür­lich unbe­frie­di­gen­den Musikschul-​Vorspielen, die Schluß­szene von Lori­ots Pappa ante por­tas oder solch unsäg­li­che Ver­an­stal­tun­gen wie Deutsch­land sucht den Super­star, wo es um künst­le­ri­sche Qua­li­tät wohl als letz­tes geht. Statt­des­sen lobt man schöné End­er­geb­nisse, frei nach dem Motto: siehst Du, Dein Sohn kann fan­tas­tisch Kla­vier spie­len, dann hätte er sich das viele Üben doch erspa­ren können.

Das Sich-​selbst-​weiterbringen gehört wohl zu den vor­nehms­ten Früch­ten künst­le­ri­scher Tätig­kei­ten. Im Ide­al­fall beglei­tet es einen Musi­ker sein Leben lang. Von Robert Schu­mann ist der Satz über­lie­fert Es ist des Ler­nens kein Ende. Inso­fern ist jedes, auch das über­zeu­gendste musi­ka­li­sche Ergeb­nis ein Zwi­schen­er­geb­nis. Und wer mal ein anspruchs­vol­les Chor­werk mit einem Lai­en­chor vor­be­rei­tet hat, kennt die kri­ti­schen Stel­len. Dort, wo gleich­sam Untie­fen lau­ern oder Strom­schnel­len, genau dort haben auch die Pro­fis ihre Schwie­rig­kei­ten, selbst wenn sie natür­lich ungleich bes­ser als Laien damit umge­hen können.

Selbst­ver­ständ­lich braucht es zum künst­le­ri­schen Stu­dium einen Schutz­raum, einen Bereich, in dem man sich ohne vor­schnel­les Urteil aus­schließ­lich, aber gna­den­los der eige­nen Kri­tik stel­len kann. Und spä­ter, dar­über hin­aus, ein Gegen­über, das, sich der poten­ti­ell zer­stö­re­ri­schen Kraft sei­nes Feed­backs bewusst sei­end, offen und wohl­wol­lend Kri­tik am Zwi­schen­er­geb­nis übt. Das erfor­dert frei­lich ein päd­ago­gi­sches Geschick, das nicht von generv­ten Zwangs­zu­hö­rern erwart­bar ist. Zuhö­rer, die nolens volens - etwa weil sie ins Home­of­fice ver­bannt wur­den - durch Übever­su­che pene­trant gestört wer­den. Ich weiß darum, plä­diere aber im Zwei­fel für wert­schät­zende Geduld. Die­je­ni­gen jeden­falls, die ernst­haft üben, haben in mei­nen Augen ungleich mehr Respekt ver­dient als jene, die sich in coro­nabe­ding­ter Ent­hem­mung und Hybris zur ver­meint­li­chen Ergöt­zung der Umwelt auf den Bal­kon stel­len oder deren Musik­aus­übung sich auf das Ver­wal­ten des Spotify-​Abos beschränkt. Frei­lich: das Fens­ter soll­ten sie den­noch schließen.