Thorsten Konigorski

Aufführung über 639 Jahre

Homo Men­sura

Von Thorsten Konigorski Etwas begin­nen und bauen, in dem Bewußt­sein, daß es meine Dimen­sio­nen sicher über­stei­gen wird. (https://www.thorsten-konigorski.de/journal/03-08-2017/)

Homo Men­sura: Es ist schon eine Weile her, daß ich mir das Pro­jekt ORGAN²/​ASLSP in Hal­ber­stadt ange­se­hen und -gehört habe. Das Stirn­run­zeln derer, die mich beglei­te­ten, war (mir) gewiss. Ein Kurio­sum, so befand man, ein abge­dreh­tes, unsin­ni­ges Unter­fan­gen (es gab noch andere Attri­bute, die ich hier nicht zitie­ren werde).

So fremd aber Cages Vor­stel­lung einer sinn­lo­sen Kunst ist („Think of my art as non­sense”, schreibt Cage; das, was er ver­stehe, lang­weile ihn), und so eigen­ar­tig die Idee einer zufalls­ba­sier­ten Kunst ohne Ziel und Bot­schaft anmu­tet, so über­a­schend sub­stanz­reich wird sie, wenn man sie ein­fach nur hört.

Dazu frei­lich sprengt Hal­ber­stadt die Dimen­sion: Kein Mensch wird die­ses Werk in Hal­ber­stadt in Gänze hören kön­nen. Und die­sen Gedan­ken finde ich, fern von reli­giö­sen Deu­tun­gen, fas­zi­nie­rend: etwas begin­nen und bauen, in dem Bewußt­sein, daß es meine Dimen­sion und Hori­zont sicher über­stei­gen wird. Nie­mand, der zur Zeit der Gotik eine Kathe­drale zu bauen begann, hat das End­er­geb­nis gese­hen; die Bau­phase war län­ger, als ein Men­schen­le­ben dau­ert. Man ent­warf einen Bau mit der Per­spek­tive, daß kein Zeit­ge­nosse die ent­wor­fene Räum­lich­keit erle­ben würde. Hätte man damals anders gedacht, gäbe es heute keine goti­sche Kathedralen.

Das Glei­che in ande­rer Hin­sicht: In Vezelay war ich beim Anblick der berühm­ten Kapi­telle zunächst ent­täuscht. Sie lie­gen ein­fach zu hoch, vom Kir­chen­schiff aus jeden­falls erschließt sich das Pro­gramm dahin­ter nicht. Und einen ande­ren Stand­ort wird man kaum eineh­men kön­nen, erst recht nicht der Betrach­ter im Mit­tel­al­ter. Die Frage der Rezi­pier­bar­keit spielte für die Erbauer im 12. Jahr­hun­dert ganz offen­sicht­lich keine Rolle. Den­noch schu­fen sie zeit­lose Kunst.

Grabeskirche, Beleuchtung von oben betrachtetEin Gegen­bild dazu: In Vier­sen begeg­net mir in der Gra­bes­kir­che (2012) eine im Ver­hält­nis zu den Kapi­tel­len genau umge­kehrte Lösung. Vom Boden aus gese­hen ist die Beleuch­tung per­fekt, die Drauf­sicht aller­dings ist bar jeden ästhe­ti­schen Werts - ich habe das Photo von der Orgel­bühne aus gemacht. Nur die vom erwar­te­ten und all­täg­lich mög­li­chen Stand­ort ein­ge­nomme Sicht ist für den Gestal­ter relevant.

Ich bezweifle, daß Cage es inten­diert hat - der Wert des Sym­bols in Hal­ber­stadt aber bleibt, und er ist in mei­nen Augen gerade in einer auf Effi­zi­enz bedach­ten, unter Opti­mie­rungs– und Ratio­na­li­sie­rungs­druck ste­hen­den Gesell­schaft groß.