Thorsten Konigorski

Reclam

Ambi­gui­tät

Von Thorsten Konigorski Über die Vereindeutigung der Welt - von Thomas Bauer (https://www.thorsten-konigorski.de/journal/26-01-2019/)

Im Nach­gang des erwähn­ten Workshop-​Tags hatte ich nach vie­len eigent­lich wirk­lich erfreu­li­chen Gesprä­chen dies­be­züg­lich – ins­be­son­dere mit den Gemeinde-  und Pas­to­ral­re­fe­ren­ten der Pfar­rei – die durch­aus bit­tere Erkennt­nis, dass die Frage nach künst­le­ri­scher Beschaf­fen­heit, nach der nicht zwangs­läu­fig schon wer­ten­den „Qua­li­tät“ von Musik­stü­cken auch bei gutem Wil­len oft schei­tert – aus einer Viel­zahl von Gründen.

Nach einem Trip am Frei­tag nach Vechta, um mit Ste­fan Decker und Domi­nik Blum einige Moda­li­tä­ten für mei­nen Dienst­an­tritt dort zu bespre­chen, über­reichte mir letz­te­rer das bemer­kens­werte Reclam-​Bändchen „Die Ver­ein­deu­ti­gung der Welt“ von Tho­mas Bauer. Darin beschäf­tigt sich der Autor mit der signi­fi­kan­ten Zunahme der gesell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Ambi­gui­täts­in­to­le­ranz. Ich erkannte beim Lesen, dass ich etli­ches dar­aus schon kannte – in mei­ner Social-​Media-​Blase war es vor­wie­gend von Theo­lo­gen bespro­chen wor­den (ins­be­son­dere der Satz: „Ein guter Indi­ka­tor für die Ambi­gui­täts­to­le­ranz west­eu­ro­päi­scher Gesell­schaf­ten ist der jewei­lige Zustand der katho­li­schen Kir­che, denn die katho­li­sche Kir­che ist über­ra­schend ambiguitätstolerant“).

Für mich als Musi­ker finde ich – vor dem Hin­ter­grund des erwähn­ten Work­sh­op­tags und der ein­gangs umris­se­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­ma­tik – fol­gende Pas­sa­gen aus dem Büch­lein zitie­rens­wert – es geht um Musik: Wenn sich Qua­li­täts­un­ter­schiede nicht mit ein­deu­ti­gen Kri­te­rien fest­stel­len las­sen, dann erscheint es ein­fa­cher zu sein zu sagen, es gebe gar keine Qua­li­täts­un­ter­schiede, als über nicht leicht zu prä­zi­sie­rende, aber den­noch vor­han­dene Qua­li­täts­un­ter­schiede nach­zu­den­ken. Hier dage­gen sei fest­ge­hal­ten, dass es Qua­li­täts­un­ter­schiede gibt, daß etwa ein Schlager-​Tralala nicht die­selbe Qua­li­tät hat, wie der ein­gangs erwähnte Punk­song von Nina Hagen, und dass beide wie­derum eine andere Qua­li­tät haben als etwa ein Streich­quar­tett von Alban Berg. […] Neben der Reli­gion ber­gen die Künste das größte Ambi­gui­täts­po­ten­tial. Die Gesell­schaft wird davon aber nur pro­fi­tie­ren kön­nen, wenn der Ambi­gui­täts­ver­nich­tung durch ihre Tri­via­li­sie­rung im mark­tra­di­ka­len Kapi­ta­lis­mus Ein­halt gebo­ten wird.