Thorsten Konigorski

Musi­co­vid

Wenn­gleich coro­nabe­dingt Live-​Auftritte nicht statt­fin­den kön­nen und unab­hän­gige Musi­ker um ihren Lebens­un­ter­halt fürch­ten müs­sen, spielt Musik offen­bar den­noch eine große Rolle der­zeit: Leute sin­gen mit­ein­an­der auf ihren Bal­kons oder musi­zie­ren „ein­an­der zu“, es gibt eine unge­kannte Fülle von Splitscreen-​Videos. An ande­rer Stelle habe ich dazu ein­ge­la­den, in die­ser Zeit mal ganz bewusst Musik zu hören.

Ich finde es daher in die­sem Kon­text außer­or­dent­lich span­nend, dass nun das Max-​Planck-​Institut für empi­ri­sche Ästhe­tik das inter­na­tio­nale For­schungs­netz­werk Musi­co­vid initi­iert; dazu heißt es in der Projektbeschreibung:

Es scheint, dass Musik groß­flä­chig und krea­tiv als Mit­tel genutzt wird, um die diver­sen Her­aus­for­de­run­gen, die die aktu­elle Krise an den Ein­zel­nen stellt, indi­vi­du­ell und sozial zu bewäl­ti­gen, dar­un­ter Angst, Lan­ge­weile, Ein­sam­keit, Stress und Zukunfts­un­si­cher­heit. Daher hat sich ein glo­ba­les Netz­werk von For­schern unter­schied­li­cher Her­kunft gebil­det, um sich mit dem Ziel zusam­men­zu­schlie­ßen, die Viel­zahl der Arten, wie Musik wäh­rend der COVID-​19-​Pandemie ver­wen­det, erlebt und dis­ku­tiert wird, zu doku­men­tie­ren, zu unter­su­chen und zu ver­ste­hen. Wenn wir erklä­ren kön­nen, wie und unter wel­chen Umstän­den Musik­prak­ti­ken dem Ein­zel­nen die Mög­lich­keit bie­ten kön­nen, mit einer bedroh­li­chen Situa­tion wie der jet­zi­gen fer­tig zu wer­den, könnte die­ses Wis­sen den Gesell­schaf­ten hel­fen, bes­ser vor­be­rei­tet zu sein, sollte es in Zukunft zu einer ähn­li­chen Situa­tion kom­men. All­ge­mei­ner aus­ge­drückt kön­nen die For­schungs­er­geb­nisse aus die­ser Arbeit lang­fris­tige Aus­wir­kun­gen auf die Ent­wick­lung kli­ni­scher und the­ra­peu­ti­scher Inter­ven­tio­nen und bewähr­ter Ver­fah­ren zur Bekämp­fung von Ein­sam­keit und sozia­ler Iso­la­tion haben.“

Zeld­man

Eben wie­der­ent­deckt, groß­ar­tig: “90 per­cent of design is typo­gra­phy. And the other 90 per­cent is whi­te­space” (Jef­frey Zeld­man in einem Post Ende 2015). Offen­sicht­lich ist er der­zeit an COVID-​19 erkrankt, ich hoffe, dass er glimpf­lich davonkommt.

Hüsch

Jeder“, singt Hanns Die­ter Hüsch, „sucht sich Erfül­lung für sein welt­li­ches Defi­zit. Ein­zig Musik hält mit der Trauer Schritt.“

Musi­zie­rende Nachbarn

Der Spie­gel ver­öf­fent­lichte am 1. Mai einen Ver­riss mit dem Titel „Fens­ter zu, ver­dammt!”

War ich beim Lesen zunächst köst­lich amü­siert durch die Spra­che (Von Wei­tem hielt ich sein Getröte zunächst für eine der Posau­nen aus der Johan­ne­s­of­fen­ba­rung. Ich wollte mich schon ent­nervt auf­ma­chen und wütend durch mei­nen Kiez tho­mas­bern­har­den.) und den Inhalt (Haben Sie schon­mal eine*n Geigenschüler*in bei den ers­ten Spiel­ver­su­chen gehört?) glei­cher­ma­ßen, läßt er mich nun, einen Tag spä­ter, zwie­ge­spal­ten zurück.

Als Musi­ker bin ich ver­hält­nis­mä­ßig emp­find­lich mit dem, was an mein Ohr dringt. Da reicht es bis­wei­len schon, wenn im Nach­bar­shaus das Besteck wie­der Stück für Stück in die Schub­lade gepackt wird. Die Frage aber ist doch: wie­viel Halb­fer­ti­ges, wie­viel „Zwi­schen­stand“ wird von der Gesell­schaft ge– und auch ertra­gen? Das Inter­net wim­melt von Kalen­der­sprü­chen der Marke „Der Weg ist das Ziel“, und doch drängt sich mir gerade für den künst­le­ri­schen Bereich als Mehr­heits­mei­nung die Hal­tung auf: Wer es (noch) nicht kann, sollte es bes­ser sein lassen.

Nichts ist leich­ter zu dif­fa­mie­ren als musikalisch-​künstlerische Zwi­schen­er­geb­nisse — der Bei­spiele sind Legion: Kom­men­tare zu künst­le­risch natür­lich unbe­frie­di­gen­den Musikschul-​Vorspielen, die Schluß­szene von Lori­ots Pappa ante por­tas oder solch unsäg­li­che Ver­an­stal­tun­gen wie Deutsch­land sucht den Super­star, wo es um künst­le­ri­sche Qua­li­tät wohl als letz­tes geht. Statt­des­sen lobt man schöné End­er­geb­nisse, frei nach dem Motto: siehst Du, Dein Sohn kann fan­tas­tisch Kla­vier spie­len, dann hätte er sich das viele Üben doch erspa­ren können.

Das Sich-​selbst-​weiterbringen gehört wohl zu den vor­nehms­ten Früch­ten künst­le­ri­scher Tätig­kei­ten. Im Ide­al­fall beglei­tet es einen Musi­ker sein Leben lang. Von Robert Schu­mann ist der Satz über­lie­fert Es ist des Ler­nens kein Ende. Inso­fern ist jedes, auch das über­zeu­gendste musi­ka­li­sche Ergeb­nis ein Zwi­schen­er­geb­nis. Und wer mal ein anspruchs­vol­les Chor­werk mit einem Lai­en­chor vor­be­rei­tet hat, kennt die kri­ti­schen Stel­len. Dort, wo gleich­sam Untie­fen lau­ern oder Strom­schnel­len, genau dort haben auch die Pro­fis ihre Schwie­rig­kei­ten, selbst wenn sie natür­lich ungleich bes­ser als Laien damit umge­hen können.

Selbst­ver­ständ­lich braucht es zum künst­le­ri­schen Stu­dium einen Schutz­raum, einen Bereich, in dem man sich ohne vor­schnel­les Urteil aus­schließ­lich, aber gna­den­los der eige­nen Kri­tik stel­len kann. Und spä­ter, dar­über hin­aus, ein Gegen­über, das, sich der poten­ti­ell zer­stö­re­ri­schen Kraft sei­nes Feed­backs bewusst sei­end, offen und wohl­wol­lend Kri­tik am Zwi­schen­er­geb­nis übt. Das erfor­dert frei­lich ein päd­ago­gi­sches Geschick, das nicht von generv­ten Zwangs­zu­hö­rern erwart­bar ist. Zuhö­rer, die nolens volens - etwa weil sie ins Home­of­fice ver­bannt wur­den - durch Übever­su­che pene­trant gestört wer­den. Ich weiß darum, plä­diere aber im Zwei­fel für wert­schät­zende Geduld. Die­je­ni­gen jeden­falls, die ernst­haft üben, haben in mei­nen Augen ungleich mehr Respekt ver­dient als jene, die sich in coro­nabe­ding­ter Ent­hem­mung und Hybris zur ver­meint­li­chen Ergöt­zung der Umwelt auf den Bal­kon stel­len oder deren Musik­aus­übung sich auf das Ver­wal­ten des Spotify-​Abos beschränkt. Frei­lich: das Fens­ter soll­ten sie den­noch schließen.

Chor­pro­ben

Lei­der meh­ren sich der­zeit Äuße­run­gen von Fach­leu­ten, die für die Pro­ben­pra­xis von Chö­ren ange­sichts der Corona-​Pandemie keine guten Aus­sich­ten ver­hei­ßen. Heute las ich in einer Ein­schät­zung der Musik­hoch­schule Frei­burg die Sätze:

Bereits in klei­nen Chor­for­ma­tio­nen von mehr als 5 Sänger*innen, aber erst recht in grö­ße­ren Chor­for­ma­tio­nen ist davon aus­zu­ge­hen, dass sich das Infek­ti­ons­ri­siko durch die im Raum befind­li­che Durch­mi­schung und den Aus­tausch von Aero­so­len, die virus­be­las­tet sein könn­ten, poten­ziert. Hier müsste eine Corona-​Infektion vor einer Chor­probe bei allen Betei­lig­ten durch spe­zi­fi­sche Tes­tun­gen sicher aus­ge­schlos­sen sein, was zum jet­zi­gen Zeit­punkt tech­nisch nicht mög­lich ist. Aus den genann­ten Grün­den soll­ten aus unse­rer Sicht Chor­pro­ben bis auf wei­te­res nicht erfol­gen.

[Update, 20:12 Uhr:] Viel­leicht kann sich der eine oder andere an die­sem „Coro­na­vi­deo” trös­ten, es wurde erstellt von David Stingl, als Teil des Rund­funk­chor Ber­lins, dem die beschrie­bene Ein­schät­zung ja ganz expli­zit die Per­spek­tive auf eine schnelle Nor­ma­li­sie­rung der Situa­tion raubt.

[Update, 1. Mai, 12:30 Uhr:] David Stingl hat auf sei­nem Blog ein paar Noti­zen zur Ent­ste­hung des Videos hinterlassen.

Corona und Liturgie

Corona und Lit­ur­gie: Mar­cel Proust schreibt irgendwo in À la recher­ché du temps perdu (1918): « La musi­que est peut-​être l’exemple uni­que de ce qu’aurait pu être - s’il n’y avait pas eu le lan­gage, la com­mu­ni­ca­tion des âmes. » Und wir erle­ben nun (Stand heute, 12:07 Uhr, min­des­tens in NRW) Got­tes­dienste ohne Gesang - mit nur gespro­che­nem Wort. Es ist also die Stunde der rei­nen Instru­men­tal­mu­sik, will man - akus­tisch - nicht in reine Text­las­tig­keit ver­fal­len. Kir­che braucht, so meine Wahr­neh­mung, Musik und gute Musi­ker der­zeit mehr denn je.

Ostern

Nach einem durch­aus ereig­nis­rei­chen Oster­fest ver­bringe ich ein paar Tage im Urlaub am Nie­der­rhein. Ich bin nach der mit dem Bischof kom­plett gestream­ten Oster­lit­ur­gie glück­lich und dank­bar mei­nen lie­ben Kol­le­gen, mit denen ich in die­sen Got­tes­diens­ten zusam­men­ar­bei­ten durfte, Chin­gyi Ho und Steffi Isen­berg, sowie Kars­ten Klin­ker, Chris­tian Kienel, Udo Hon­nig­fort, Manuel Uhing und Gabriel Isen­berg.

Bene­dikt Krist­jáns­sons Johannespassion

Am heu­ti­gen Kar­frei­tag gab es aus der Tho­mas­kir­che eine äußerst span­nende Ver­sion von Bachs Johan­nes­pas­sion: das ganze eigent­lich vor­ge­se­hene Ensem­ble ein­ge­dampft auf Tenor, Schlag­werk und Orgel/​Cembalo. Ein­ge­bun­den sind Cho­ral­zu­spiele von Bach-​Chören aus der Schweiz, aus Kanada und Malay­sia. Dabei her­aus­ra­gend: Tenor Bene­dikt Krist­jáns­son, vor des­sen Leis­tung ich mich tief verneige.

Eine dis­kus­si­ons­wür­dige und bis­wei­len schräge Auf­füh­rung, in jedem Fall aber äußerst sehens­wert. Der Mit­schnitt ist in der ARTE-​Mediathek ver­füg­bar bis zum 9. Juli.

Home­of­fice

Die vor­ös­ter­li­che Zusam­men­ar­beit, so von Homef­fice zu Home­of­fice, kann man der­zeit zutref­fend über­trei­bungs­frei als fieb­rig bezeich­nen. Und das hat nichts mit Corona zu tun.

Kol­la­te­rale Zynismen

Allent­hal­ben kol­la­te­rale Zynis­men, aus dem untaug­li­chen Ver­such gebo­ren, einer Krank­heit und dem dar­aus resul­tie­ren­den Leid Sinn abzu­rin­gen. Danke an mei­nen Kol­le­gen Johan­nes W. Vutz, der heute in der Olden­bur­ger Volks­zei­tung schrieb: „Ob die ‚Lei­den der Unschul­di­gen’ über­haupt Sinn haben kön­nen, muss um der Red­lich­keit des Glau­bens Wil­len offen bleiben.”

Coro­nagot­tes­dienste

Das Home­of­fice, oder bes­ser die der­zeit im Offi­zi­alat ange­ord­nete Mobilar­beit erzeugt einen trü­ge­ri­schen Schein: äußer­lich ist alles sehr ruhig, aber hin­ter den Kulis­sen gibt es reich­lich Arbeit, zum Teil wird hek­tisch gear­bei­tet. Ich habe z.B. diese Reihe auf den Weg gebracht.

Mal jen­seits der der­zeit viel­dis­ku­tier­ten Frage nach der lit­ur­gi­schen Wir­kung von gestream­ten Got­tes­diens­ten, von „One-​man-​shows“ oder „Pri­vat­mes­sen“ vor dem Hin­ter­grund des heu­ti­gen Lit­ur­gie­ver­ständ­nis­ses, frage ich mich nach dem Sinn von ein­ge­spiel­ten Lie­dern in die­sen Got­tes­diens­ten, also kon­kret Lied­vor­spiel + Begleit­satz. Klar, hier bekommt man als Teil der nur vir­tu­ell anwe­sen­den Gemeinde in den meis­ten gestream­ten Got­tes­diens­ten einen Begriff von der tat­säch­lich vor Ort ver­sam­mel­ten Gemeinde - anders als bei dem über­wie­gen­den Teil der ande­ren Situa­tio­nen im Ablauf einer sol­chen Messe. Aber das, was der­ar­tige Lie­der ja ganz wesent­lich aus­macht, näm­lich ein in in beide Rich­tun­gen wir­ken­des Gemein­schafts­er­leb­nis, ein sich ein­brin­gen­des Wirk­sam­wer­den des Ein­zel­nen (und das leis­ten gemein­sam gesun­gene Lie­der ja auch jen­seits lit­ur­gi­scher Zusam­men­hänge, also am Lager­feuer bei­spiels­weise oder auch im Sta­dion), genau das funk­tio­niert bei gestream­ten Got­tes­diens­ten eben lei­der nicht.

Kul­tur­fak­tor im Wandel

Unter dem Titel Kir­chen­mu­sik im 21. Jahr­hun­dert – Kul­tur­fak­tor im Wan­del berich­tet der Deutsch­land­funk von einem Sym­po­sium in Frank­furt, das in der letz­ten Woche statt­ge­fun­den hat. Fol­gende in mei­ner täg­li­chen Arbeit oft abzu­wä­gende und mei­nes Erach­tens wich­tige Aspekte kom­men zur Spra­che: 1) Die gesell­schaft­lich breite „Andock­bar­keit“ an Kir­chen­mu­sik, zunächst ein­mal unab­hän­gig von kon­kre­ten reli­giö­sen oder gesell­schaft­li­chen Welt­an­schau­un­gen. 2) Das Für und Wider soge­nann­ter Leucht­turm­kon­zepte: Wenn es eine Redu­zie­rung der Mit­tel gibt, sind her­aus­ge­ho­bene Stel­len mit exem­pla­ri­scher Arbeit umso wich­ti­ger. Dabei bleibt die Frage offen, ob das gelin­gen kann: wie beim Sport gibt es auch hier keine Breite ohne Spitze und keine Spitze ohne Breite. Jede Leucht­turm­stelle braucht mit­hin ein Netz in der Flä­che. 3) Die not­wen­dige Neu­fas­sung von BU-​Ermittlungen und Tätig­keits­be­schrei­bun­gen in der katho­li­schen Kir­che. „Katho­li­scher­seits haben wir die Kir­chen­mu­si­ker immer noch gebün­delt im ‚sub­si­di­a­ren Dienst‘, das heißt: Sie sind nicht eigen­stän­dig, sie sind rein auf den lit­ur­gi­schen Dienst fest­ge­na­gelt. Da Lit­ur­gien aber immer weni­ger wer­den und auch Got­tes­dienste, wird das eigent­lich Poten­zial, das Kir­chen­mu­sik leis­ten kann, über­haupt nicht genutzt“ (Rei­ner Schu­henn).

Schwarz

Ich bringe dem Mann im Roll­stuhl spon­tan sein Tablett an den Tisch und frage: „Brau­chen Sie noch Milch oder Zucker für den Kaf­fee?“ - „Nein, schwarz, ich trinke ihn schwarz, schwarz wie mein Fuß!“, ent­geg­net er. - „Schwarz wie Ihr Humor“, ent­fährt es mir.

Kon­zert­kri­tik

Am 16. Februar habe ich zusam­men mit Nicola Olt­manns (Block­flö­ten) und Lutz Hei­wolt (Gambe) in der Stadt­kir­che Süch­teln eine Kam­mer­mu­sik bestrit­ten. Die Rhei­ni­sche Post berich­tete in einer Kurz­kri­tik dar­über: „Drei begeis­terte Kam­mer­mu­si­ker beglück­ten als makel­los har­mo­nie­ren­des Trio die Zuhö­rer in der gut gefüll­ten Kir­che” und lobte das Resul­tat als „tech­nisch bril­lant, inter­pre­ta­to­risch fein abge­stimmt und aus­ge­wo­gen, dazu stets lebendig.”

Frü­her gab es zu einem sol­chen Anlass deut­lich aus­führ­li­chere Kri­ti­ken – es ist erschre­ckend, wie wenig Raum diese Zei­tung mitt­ler­weile der Kul­tur ein­räumt. Eine ungute Ten­denz, und es betrifft durch­aus auch bedeu­ten­dere Kon­zerte, zu mei­nem Unver­ständ­nis sogar die Sym­pho­nie­kon­zerte in der Vier­sener Festhalle.

Orgel im Dom zu Osnabrück

Orge­lex­kur­sion

Mit den Stu­die­ren­den des aktu­el­len C-​Kurses und eini­gen Dozen­ten war ich ges­tern im Dom zu Osna­brück. Der dor­tige Dom­or­ga­nist Domi­ni­que Sauer hat uns in einer kur­zen Ein­füh­rung die dor­ti­gen Instru­mente erschlos­sen und uns dann aus­gie­big sel­ber tes­ten las­sen: die Haupt­or­gel der schwei­ze­ri­schen Orgel­bau­firma Kuhn, die mit dem Attri­but „kleinste Kathe­dral­or­gel in Deutsch­land“ (53 Regis­ter, III Manuale) koket­tiert, sowie die ori­gi­nal von Cavaillé-​Coll, bzw. Charles Mutin stam­mende Chororgel.

Beide Instru­mente sind klang­lich sehr ein­drucks­voll. Neben der höchst unge­wöhn­li­chen, über der Orgel gele­ge­nen Spiel­an­lage (diese sorgt auch für schön leicht­gän­gige Trak­tu­ren) spricht mich noch ein ande­rer Aspekt an: wie­wohl ich elek­tri­sche Zusatz­la­den als schmerz­haf­ten Bruch in der Ästhe­tik emp­finde, ist man hier bei der Kon­zep­tion der Ver­su­chung wider­stan­den, das „Turm­werk“ nur mit gro­ßen, gewal­ti­gen Zun­gen in allen Lagen zu bestü­cken. Die hier gewählte Vari­ante – aus­schließ­lich 8′-Stimmen, eine große Flöte, eine Stentor-​Gambe, eine deli­kate und eine Ple­nums­zunge – stellt eine echte Berei­che­rung, ins­be­son­dere für die Impro­vi­sa­tion dar.

Lisa

Ges­tern war ich in der Buch­hand­lung Vat­terodt: meine Kol­le­gin Lisa Oest­er­held las – zusam­men mit ihrem Mann, beglei­tet von Rai­ner Wör­de­mann – aus ihrem Gedicht­band „Hymne ans Leben“. Dar­aus: Dich­ten ¶ Die Worte ab– ¶ schä­len bis zum Kern, ¶ der schnör­kel­los ¶ glänzt.

Clad­ders

Arbeits­be­such im Art­land bei Orgel­bauer Mar­tin Clad­ders in Bad­ber­gen - zusam­men mit Sachverständigen-​Kollege Gabriel Isen­berg.

Begriff­lich­kei­ten

Beate Ste­ger beschreibt in einem Bei­trag auf katho​lisch​.de unter dem Titel Bach­kan­tate, „Stille Nacht“ und Gospel-​Song: Über das Sin­gen ihre bio­gra­fi­schen Erfah­run­gen mit Sin­gen und ins­be­son­dere Chor­sin­gen. Nach anfäng­li­cher Skep­sis und desas­trö­sen frü­hen Erfah­run­gen ist sie dann doch zum Sin­gen gekom­men und for­dert am Ende die Leser/​innen mit einem flam­men­den Plä­do­yer auf, es ihr gleich­zu­tun. Das kenne ich auch: Nicht wenige derer, die in den letz­ten Jah­ren erst nach mehr­fa­cher Kon­takt­auf­nahme und Nach­frage in den Chor kamen, sag­ten mir spä­ter, daß sie die­sen Schritt nicht nur nicht bereu­ten, son­dern schon viel eher hät­ten tun sol­len. Nun ja.

Aber nicht nur im Satz: „In kirch­li­chen Chö­ren sind vor­wie­gend reli­giöse Lie­der im Reper­toire“, auch im all­täg­li­chen Gespräch über Musik (bei­spiels­weise mit Braut­leu­ten über Orgel­li­te­ra­tur) stol­pere ich über eine sprach­li­che Ver­en­gung: gibt es denn nur „Lie­der“? In den letz­ten zwan­zig Jah­ren habe ich viel­leicht auch das eine oder andere Chor­lied ein­stu­diert, der weit­aus grö­ßere Teil des Reper­toires aber waren andere Gesänge, Madri­gale, Motet­ten, Fugen, Mess-​Vertonungen, die eben keine Lie­der waren. Im eigent­li­chen Sinn wird der zitierte Satz weit­ge­hend sogar sach­lich falsch sein - und das ist doch keine musi­ka­li­sche Spitzfindigkeit.

Offen­sicht­lich nimmt die musi­ka­li­sche All­ge­mein­bil­dung in einem Maße ab, daß sogar musi­ka­li­sche Insi­der (wie es Chorsänger/​innen bei­spiels­weise ja sind) nicht mehr mit kor­rek­ten Begrif­fen über Musik spre­chen kön­nen oder es aus didak­ti­schen Grün­den nicht tun wollen.

Kon­zert in St. Remigius

Heute gab es ein tol­les Kon­zert mit Uwe Komischke, Trom­pete, und Thors­ten Andreas Pech, Orgel, in St. Remi­gius Vier­sen. Beim anschlie­ßen­den net­ten Bei­sam­men­sein – u.a. mit Remi­gius­kan­tor Michael Park – dann inter­es­sante Gesprä­che über Kir­chen­mu­sik im All­ge­mei­nen und Beson­de­ren im Mokka in Viersen.

mit Heiner Arden, Gerda Maiwald

Jah­res­ta­gung Musik­land Niedersachsen

Bei der heu­ti­gen Jah­res­ta­gung des Musik­land Nie­der­sach­sen wur­den – neben dem übli­chen offen­si­ven Netz­wer­ken – inten­siv Aspekte der Musik­ver­mitt­lung dis­ku­tiert: Lydia Vro­eg­in­de­weij stellte ihr mitt­ler­weile welt­weit prak­ti­zier­tes Kon­zept einer Baukasten-​Orgel („Doe-​Orgel“) und des­sen Ein­bet­tung in schul­kom­pa­ti­ble For­mate vor.

Ein wei­te­res, teils kon­tro­vers dis­ku­tier­tes Thema war Musik an Drit­ten Orten: „Ort³ neu den­ken”, und zwar ins­be­son­dere vor dem Hin­ter­grund der Digi­ta­li­sie­rung neu den­ken. Ein span­nen­des Thema; Bas­tian Lange nannte in sei­nem Impuls­re­fe­rat in Erwei­te­rung des Dritter-​Ort-​Begriffs unter ande­ren die Kri­te­rien „Selbst­wirk­sam­keit des eige­nen Han­delns“, „Real­be­züge zum (media­li­sier­ten) All­tag“ und „Hap­ti­sche Kon­texte“. Mir – als Kir­chen­mu­si­ker – stellte sich natür­lich umso mehr die Frage: inwie­fern ist Kir­che ein so ver­stan­de­ner Drit­ter Ort, inwie­fern muss sie es sein oder kann sie es über­haupt sein. Die Chan­cen der Musik hier­bei sind unübersehbar.