Thorsten Konigorski

Orgel im Dom zu Osnabrück

Orge­lex­kur­sion

Mit den Stu­die­ren­den des aktu­el­len C-​Kurses und eini­gen Dozen­ten war ich ges­tern im Dom zu Osna­brück. Der dor­tige Dom­or­ga­nist Domi­ni­que Sauer hat uns in einer kur­zen Ein­füh­rung die dor­ti­gen Instru­mente erschlos­sen und uns dann aus­gie­big sel­ber tes­ten las­sen: die Haupt­or­gel der schwei­ze­ri­schen Orgel­bau­firma Kuhn, die mit dem Attri­but „kleinste Kathe­dral­or­gel in Deutsch­land“ (53 Regis­ter, III Manuale) koket­tiert, sowie die ori­gi­nal von Cavaillé-​Coll, bzw. Charles Mutin stam­mende Chororgel.

Beide Instru­mente sind klang­lich sehr ein­drucks­voll. Neben der höchst unge­wöhn­li­chen, über der Orgel gele­ge­nen Spiel­an­lage (diese sorgt auch für schön leicht­gän­gige Trak­tu­ren) spricht mich noch ein ande­rer Aspekt an: wie­wohl ich elek­tri­sche Zusatz­la­den als schmerz­haf­ten Bruch in der Ästhe­tik emp­finde, ist man hier bei der Kon­zep­tion der Ver­su­chung wider­stan­den, das „Turm­werk“ nur mit gro­ßen, gewal­ti­gen Zun­gen in allen Lagen zu bestü­cken. Die hier gewählte Vari­ante – aus­schließ­lich 8′-Stimmen, eine große Flöte, eine Stentor-​Gambe, eine deli­kate und eine Ple­nums­zunge – stellt eine echte Berei­che­rung, ins­be­son­dere für die Impro­vi­sa­tion dar.

Lisa

Ges­tern war ich in der Buch­hand­lung Vat­terodt: meine Kol­le­gin Lisa Oster­held las – zusam­men mit ihrem Mann, beglei­tet von Rai­ner Wör­de­mann – aus ihrem Gedicht­band „Hymne ans Leben“. Dar­aus: Dich­ten ¶ Die Worte ab– ¶ schä­len bis zum Kern, ¶ der schnör­kel­los ¶ glänzt.

Clad­ders

Arbeits­be­such im Art­land bei Orgel­bauer Mar­tin Clad­ders in Bad­ber­gen - zusam­men mit Sachverständigen-​Kollege Gabriel Isen­berg.

Begriff­lich­kei­ten

Beate Ste­ger beschreibt in einem Bei­trag auf katho​lisch​.de unter dem Titel Bach­kan­tate, „Stille Nacht“ und Gospel-​Song: Über das Sin­gen ihre bio­gra­fi­schen Erfah­run­gen mit Sin­gen und ins­be­son­dere Chor­sin­gen. Nach anfäng­li­cher Skep­sis und desas­trö­sen frü­hen Erfah­run­gen ist sie dann doch zum Sin­gen gekom­men und for­dert am Ende die Leser/​innen mit einem flam­men­den Plä­do­yer auf, es ihr gleich­zu­tun. Das kenne ich auch: Nicht wenige derer, die in den letz­ten Jah­ren erst nach mehr­fa­cher Kon­takt­auf­nahme und Nach­frage in den Chor kamen, sag­ten mir spä­ter, daß sie die­sen Schritt nicht nur nicht bereu­ten, son­dern schon viel eher hät­ten tun sol­len. Nun ja.

Aber nicht nur im Satz: „In kirch­li­chen Chö­ren sind vor­wie­gend reli­giöse Lie­der im Reper­toire“, auch im all­täg­li­chen Gespräch über Musik (bei­spiels­weise mit Braut­leu­ten über Orgel­li­te­ra­tur) stol­pere ich über eine sprach­li­che Ver­en­gung: gibt es denn nur „Lie­der“? In den letz­ten zwan­zig Jah­ren habe ich viel­leicht auch das eine oder andere Chor­lied ein­stu­diert, der weit­aus grö­ßere Teil des Reper­toires aber waren andere Gesänge, Madri­gale, Motet­ten, Fugen, Mess-​Vertonungen, die eben keine Lie­der waren. Im eigent­li­chen Sinn wird der zitierte Satz weit­ge­hend sogar sach­lich falsch sein - und das ist doch keine musi­ka­li­sche Spitzfindigkeit.

Offen­sicht­lich nimmt die musi­ka­li­sche All­ge­mein­bil­dung in einem Maße ab, daß sogar musi­ka­li­sche Insi­der (wie es Chorsänger/​innen bei­spiels­weise ja sind) nicht mehr mit kor­rek­ten Begrif­fen über Musik spre­chen kön­nen oder es aus didak­ti­schen Grün­den nicht tun wollen.

Kon­zert in St. Remigius

Heute gab es ein tol­les Kon­zert mit Uwe Komischke, Trom­pete, und Thors­ten Andreas Pech, Orgel, in St. Remi­gius Vier­sen. Beim anschlie­ßen­den net­ten Bei­sam­men­sein – u.a. mit Remi­gius­kan­tor Michael Park – dann inter­es­sante Gesprä­che über Kir­chen­mu­sik im All­ge­mei­nen und Beson­de­ren im Mokka in Viersen.

mit Heiner Arden, Gerda Maiwald

Jah­res­ta­gung Musik­land Niedersachsen

Bei der heu­ti­gen Jah­res­ta­gung des Musik­land Nie­der­sach­sen wur­den – neben dem übli­chen offen­si­ven Netz­wer­ken – inten­siv Aspekte der Musik­ver­mitt­lung dis­ku­tiert: Lydia Vro­eg­in­de­weij stellte ihr mitt­ler­weile welt­weit prak­ti­zier­tes Kon­zept einer Baukasten-​Orgel („Doe-​Orgel“) und des­sen Ein­bet­tung in schul­kom­pa­ti­ble For­mate vor.

Ein wei­te­res, teils kon­tro­vers dis­ku­tier­tes Thema war Musik an Drit­ten Orten: „Ort³ neu den­ken”, und zwar ins­be­son­dere vor dem Hin­ter­grund der Digi­ta­li­sie­rung neu den­ken. Ein span­nen­des Thema; Bas­tian Lange nannte in sei­nem Impuls­re­fe­rat in Erwei­te­rung des Dritter-​Ort-​Begriffs unter ande­ren die Kri­te­rien „Selbst­wirk­sam­keit des eige­nen Han­delns“, „Real­be­züge zum (media­li­sier­ten) All­tag“ und „Hap­ti­sche Kon­texte“. Mir – als Kir­chen­mu­si­ker – stellte sich natür­lich umso mehr die Frage: inwie­fern ist Kir­che ein so ver­stan­de­ner Drit­ter Ort, inwie­fern muss sie es sein oder kann sie es über­haupt sein. Die Chan­cen der Musik hier­bei sind unübersehbar.

unpünktlich.

ÖPV

Olden­burg, Müns­ter, Maas­tricht, Düs­sel­dorf, Han­no­ver, Müns­ter, Herne in nicht ein­mal einer Woche. Ich habe sowohl dienst­lich, als auch pri­vat momen­tan eine erleb­nis– und reis­ein­ten­sive Zeit. Lei­der gibt es nicht viel Schlech­tes aus dem vor­wurfs­vol­len Reper­toire von Kri­ti­kern der Deut­schen Bahn, das ich nicht bestä­ti­gen könnte. Bemüht, auf den Dienst­wa­gen zuguns­ten Öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel mög­lichst oft zu ver­zich­ten, ist es bedrü­ckend zu sehen, daß die Bahn nicht mal annä­hernd eine Alter­na­tive zum PKW darstellt.

Vom sin­gen­den Gottesvolk

Unter dem Titel „Von Pale­strina bis Pärt oder auch: Vom sin­gen­den Got­tes­volk“ schreibt Annika Schmitz in einem Essay für das Theologie-​Blog y​-nach​ten​.de viel Wah­res weni­ger über die Außen­wir­kung von Kir­chen­chö­ren, als über deren Bin­nen­ver­hält­nis. Die­ses kann aus mei­ner Erfah­rung oft ent­rü­ckende Momente ent­hal­ten, und es ist heil­sam, mal in diese The­ma­tik ein­zu­drin­gen. Jeder, der die im Text beschrie­bene Abhän­gig­kei­ten zu Ende denkt (die Sän­ger sind vom Diri­gen­ten ebenso abhän­gig wie die­ser von jenen) und sich vor­stellt, was ein sol­ches Tun (wenn es erfolg­reich ist) psy­cho­lo­gisch bedeu­tet, mag ermes­sen, wie tief das Ver­hält­nis der Chor­mit­glie­der zu– und unter­ein­an­der sein kann.

Kir­chen­chöre kom­men ihrem Ver­kün­di­gungs­auf­trag ja nicht ledig­lich im Rah­men der Lit­ur­gie nach, son­dern sie gestal­ten aktiv das Leben ihrer Sän­ge­rIn­nen.“ Und das über Jahre hin­weg, oft wäh­rend eines gan­zen Lebens. Mich rührt die Erkennt­nis, daß das Leben „mei­ner“ Sän­ge­rIn­nen pas­sierte, wäh­rend ich mit ihnen das Deut­sche Requiem, Bachs Pas­sio­nen oder das Weih­nachts­ora­to­rium, Kar­frei­tage, Oster­nächte und Christ­met­ten ein­stu­dierte, sie haben sich ver­liebt, gehei­ra­tet, Kin­der bekom­men oder aber auch liebe Men­schen ver­lo­ren, und daß diese Auf­füh­run­gen zugleich selbst Höhe– oder Tief­punkte in ihrem Leben dar­stell­ten. Chor­sin­gen gene­riert mit­hin so etwas wie einen Lebens­sound­track, eng ver­wo­ben mit Ein­zel­schick­sa­len, es prägt die Zeit über Jah­res– und Lebenszyklen.

Aber das ist nur ein Aspekt des sehr lesens­wer­ten Bei­trags.

Seifert-Orgel in Seckenheim

Orgeln

Zwei aus mei­ner Sicht sehr über­zeu­gende Orgel­neu­bau­ten der letz­ten Jahre in der Rhein-​Neckar-​Region: die Sei­fert-Orgel in St. Aegi­dius Secken­heim (Mann­heim), erbaut 2017 mit 32 Regis­tern auf 2 Manua­len und Pedal zum einen, die neue Orgel der „Klei­nen Kir­che“ in Karls­ruhe, erbaut 2019 von Georg Len­ter mit 23 Regis­tern, eben­falls auf zwei Manua­len mit Pedal, zum anderen.

Die Secken­hei­mer Orgel hul­digt süd­deut­schen Vor­stel­lun­gen aus dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert. Neben den von mir ohne­hin geschätz­ten Stan­dards wie Hän­ge­trak­tu­ren und auf Länge geschnit­tene Pfei­fen wird dies am deut­lichs­ten in Dis­po­si­tion und Into­na­tion, die zum Teil sehr extreme und reiz­volle Ein­schwing­ge­räu­sche zulässt, oder, wie der Orgel­bauer ver­merkt: er ver­zichte bei den Strei­cher­stim­men auf Anspra­che­hil­fen „um eine natür­li­che, dabei aber in unter­schied­li­chen Gra­den fra­gile Tonent­wick­lung ermög­li­chen zu kön­nen,“ er habe eine äußerst spar­same Kern­be­hand­lung prak­ti­ziert, „um eine breite Ober­tonent­wick­lung zu ermög­li­chen, die eine gesunde Geräusch­haf­tig­keit der Pfeife vor­aus­setzt“. Die Auf­zugs­fe­dern für die Keil­bälge soll­ten per Licht­schranke gesteu­ert wer­den, und ich frage mich (wie auch in Bezug auf die Register-​Doppeltraktur), warum bei solch einer ori­gi­nel­len und hand­werk­lich hoch­ste­hen­den Orgel über­haupt ästhetisch-​bruchhaft eine nicht­me­cha­ni­sche Lösung ins Auge gefasst wurde. Bei mei­nem Besuch im Sep­tem­ber 2019 waren die Licht­schran­ken auch bereits wie­der abge­baut wor­den - sie haben offen­sicht­lich nicht funktioniert.

Die Orgel der „Klei­nen Kir­che“ in Karls­ruhe ist auf ihre Art und Weise ähn­lich extrem: hier war die orgel­bau­li­che Klang­lich­keit der Mitte des 19. Jahr­hun­derts Vor­bild (Dis­po­si­tion). Sehr nach­voll­zieh­bar und gut gelöst: eine mecha­ni­sche Kegel­lade als Spiel­trak­tur, die sich sehr ange­nehm spie­len lässt. Eine deli­kate Beson­der­heit ist die durch­schla­gende Phy­har­mo­nika in 16′- und 8′-Lage, mit­tels Fuß­schwel­ler dyna­misch abstuf­bar, sie füllt den Raum mit einer ganz eige­nen Cha­rak­te­ris­tik. Dis­kus­si­ons­wür­dig finde ich hier das Feh­len einer grö­ße­ren Flöte in der Dis­po­si­tion (bei phan­tas­tisch luxu­riö­ser Aus­stat­tung mit unter­schied­li­chen Strei­cher­stim­men), außer­dem wäre es sicher noch berei­chernd, die wei­tere Zunge, die Kla­ri­nette, auf­schla­gend durch­zu­füh­ren. Den­noch ins­ge­samt eine wirk­lich gelun­gene Orgel, die den Besuch lohnt.

Orgeli­mi­tat

Mit Erleich­te­rung lese ich, daß das elek­tro­ni­sche Orgeli­mi­tat, das im Peters­dom im letz­ten Jahr ange­schafft wor­den war, nun offen­sicht­lich mit­hilfe der Peti­tion Appello per l’organo a canne nella Basi­lica di San Pie­tro in Vati­cano auf Change​.org wie­der ent­fernt wor­den ist: L’Allen è stato rimosso.

Die Pfei­fen­or­gel soll in der latei­ni­schen Kir­che als tra­di­tio­nel­les Musik­in­stru­ment in hohen Ehren gehal­ten wer­den; denn ihr Klang ver­mag den Glanz der kirch­li­chen Zere­mo­nien wun­der­bar zu stei­gern und die Her­zen mäch­tig zu Gott und zum Him­mel empor­zu­he­ben“, sagt das Zweite Vati­ka­ni­sche Kon­zil in sei­ner Lit­ur­gie­kon­sti­tu­tion (SC 120).

Jes­sye Norman

Es ist schön, daran zu den­ken, daß jemand im Wei­ßen Haus sitzt, der Gedichte liest und Musik anhört“, sagte Jes­sye Nor­man, die ges­tern ver­starb, und meinte damit Prä­si­dent Obama. Und es ist bedrü­ckend, so möchte ich hin­zu­fü­gen, davon aus­ge­hen zu müs­sen, daß der aktu­elle Prä­si­dent es nicht tut.

Empfang im Remigiushaus

Ver­ab­schie­dung

Nach dem Got­tes­dienst am Sonn­tag, einem gemein­sa­men Früh­stück mit dem Pfarrhaus-​Team und dem letz­ten Koor­di­na­ti­ons­tref­fen mit den Vier­sener Kol­le­gen und mei­nem Nach­fol­ger Michael Park habe ich nun end­gül­tig von der Pfar­rei St. Remi­gius Abschied genom­men. Ich hatte in den letz­ten 20 Jah­ren, in denen ich in Vier­sen tätig sein durfte, unzäh­lige berei­chernde, mich tief bewe­gende mensch­li­che und musi­ka­li­sche Begeg­nun­gen und bin den vie­len Mit­strei­tern und Gesprächs­part­nern zu gro­ßem Dank ver­pflich­tet. Es war eine gute Zeit, die mich dank­bar zurücklässt.

Nun habe ich noch etwa zwei Wochen, und dann geht es im Bischöf­lich Müns­ter­schen Offi­zi­alat los. Am ers­ten Juli beginne ich meine Refe­ren­ten­tä­tig­keit dort, eine Auf­gabe, die mich sehr reizt und auf die ich mich sehr freue.

Im Museum

Drei­er­lei

Froh, trotz des umzugs­be­ding­ten Regel­be­darfs noch Kul­tu­rel­les auf der Agenda zu haben, berührte mich bei einem erneu­ten Besuch im Kolumba­mu­seum (jen­seits mei­ner Ent­täu­schung, daß das mir bio­gra­fisch wich­tige Kunst­werk „The Drow­ned and the Saved“ von Richard Serra dort der­zeit nicht zugäng­lich ist) neben der groß­ar­ti­gen Archi­tek­tur Peter Zum­t­hors die in der aktu­el­len Aus­stel­lung „Pas de deux“ befind­li­che moti­visch unge­heuer mäch­tige Gegen­über­stel­lung eines anti­ken Herakles-​Kopfes mit Peter Tol­lens mono­chro­mem „40/​1989“ (rot auf Lein­wand) und der um 1480 ent­stan­de­nen Lin­den­holz­plas­tik Chris­tus in der Rast eines unbe­kann­ten Künst­lers vom Ober­rhein. Was für eine Kombination!

Dann, am Sonn­tag, die Inbe­trieb­nahme der neuen Martin-​Scholz-Orgel in St. Cle­mens in Bergisch-​Gladbach, die ich für sehr gelun­gen halte. Kleine Orgeln kön­nen gro­ßen Spaß machen, wenn sie gut sind, und diese Orgel ist gut.

Schließ­lich fes­selte mich eine Mithras-​Stele im LVR-​Museum in Bonn, deren Wir­kung im von innen beleuch­te­ten Zustand fas­zi­nie­rend gewe­sen sein muss. Ich ver­su­che mir vor­zu­stel­len, wie sie wohl in unver­sehr­tem Zustand aus­ge­se­hen hat.

Klais-Orgel in St. Josef Viersen, linke Seite des Spieltischs

Kon­zert mit Elmar Lehnen

Letzte Vor­be­rei­tun­gen für das Orgelim­pro­vi­sa­ti­ons­kon­zert mit Elmar Leh­nen auf der Klai­sor­gel in St. Josef heute Abend. Die alte Dame (*1935) ächzt etwas in den Steue­rungs­ele­men­ten, aber prä­sen­tiert sich unver­än­dert im his­to­ri­schen Klang­ge­wand auf dem Schei­tel­punkt zwi­schen roman­ti­schen und frü­hen „orgel­be­weg­ten“ Klang­vor­stel­lun­gen - das macht Spaß.

Über Kir­chen­mu­sik.

Rai­ner Bucher ist Pro­fes­sor für Pas­to­ral­theo­lo­gie an der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Graz. Sein Arti­kel „Über Kir­chen­mu­sik. Inklu­sive dreier Bit­ten an Kir­chen­mu­si­ke­rIn­nen“ spricht mir wirk­lich aus der Seele.

Es kann nicht sein, dass man es nicht wagt, die Kir­che an ihren unter­schied­lichs­ten pas­to­ra­len Orten mit der musi­ka­li­schen Kom­pe­tenz zu über­ra­schen, die heu­tige Kir­chen­mu­si­ke­rin­nen und Kir­chen­mu­si­ker besit­zen. Dazu gehört auch erzie­hen, bil­den, kon­fron­tie­ren.

Frei­lich gehört dann struk­tu­rell auch dazu, dies den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen zu gestat­ten, zu ermöglichen.

Nach dem Ostersonntagsgottesdienst

Nach Ostern

Nach den letz­ten Oster­got­tes­diens­ten in St. Remi­gius geht es mit Rie­sen­schrit­ten auf mei­nen Abschied aus Vier­sen am 16. Juni zu. Der­zeit packe und sor­tiere ich Noten jeder Art und räume die ent­spre­chen­den Schränke. Auch meine Nach­folge ist inzwi­schen geklärt, und mich erleich­tert, daß es keine Vakanz geben wird: aller­herz­lichs­ten Glück­wün­sche an und für Michael Park, der ab Juli für die Kir­chen­mu­sik in Vier­sen ver­ant­wort­lich zeich­nen wird.

Cem­ba­lo­auf­bau

Heute gab es neben den Orches­ter­pro­ben für die bei­den Oster­sonn­tags­hoch­äm­ter auch letzte Vor­be­rei­tun­gen für das Kon­zert mor­gen: Cem­ba­lo­trans­port und -stim­men, anschlie­ßend Probe. Auf­bau im Sei­ten­schiff der Remigiuskirche.

Begriffs­stut­zen

Amü­siert von Han­nah Schmidts Bei­trag für das VAN-​Magazin (zum Teil äußerst zutref­fend und ins­ge­samt lesens­wert, aber dis­kus­si­ons­wür­dig; ich kann die Ange­mes­sen­heit von Kir­chen­mu­sik nicht am Instru­ment und auch nicht am Stil fest­ma­chen) - stol­pere ich bei der wohl auch meist­zi­tier­ten Stelle: „Gott ist nicht cool (was hätte er auch davon?) und die Kir­che wird es wohl auch nicht mehr wer­den. Wer bei­des mag, ist heute ein Nerd, und das ist okay. Gott ist auch ohne Orgel und ohne Kir­che Gott. Und Orgel ist auch ohne Gott und Kir­che groß­ar­tig. Nur die Kir­che, denke ich, die braucht irgend­wie bei­des“.

Was um Him­mels wil­len meint die Auto­rin mit dem Satz „Gott ist nicht cool“? Den ers­ten tri­via­len und ver­mut­lich zutref­fen­den Deu­tungs­im­puls bewusst igno­rie­rend, gerate ich ins Grü­beln. Unsub­stan­zi­iert leicht­fer­tige Aus­sa­gen über Gott ber­gen immer die Gefahr der Ver­ein­nah­mung (hier bei­spiel­haft „Deus lo vult“ anzu­füh­ren wäre eine allzu große Kanone für die­sen Spatz), und eine sin­gu­läre apo­pha­ti­sche Aus­sage ist ziem­lich nichts­sa­gend. Nega­tive Theo­lo­gie ist eben sehr viel mehr, als bloß zu for­mu­lie­ren, was Gott nicht ist.

Und „cool“? Aus­ge­rech­net „cool“ - im Wort­sinn? Befrem­det von der Vor­stel­lung eines unbewegt-​teilnahmslosen, atarak­ti­schen Got­tes lese ich nach und muss seuf­zend erken­nen, dass zumin­dest die Kir­chen­vä­ter (Kle­mens von Alex­an­drien, Orig­e­nes, Atha­na­sius) vol­ler Ver­wer­fun­gen und Kom­ple­xi­tät dies­be­züg­lich im Grunde doch von einer Apatheia Got­tes aus­ge­hen: Gott scheint cool zu sein, erschre­ckend und mei­nen Wider­spruch her­aus­for­dernd cool.

Lebens­licht

Es bedarf nicht visu­el­ler Glatt­heit, auch nicht jener Hoch­glan­zäs­the­tik, die die Wer­be­in­dus­trie bis zum Über­druss nutzt, ganz im Gegen­teil. Es geht auch nicht um ein erwar­te­tes Happy End, selbst­ver­ständ­lich nicht, son­dern eher viel­leicht um Erlö­sung. Aber selbst, wenn die nicht sicht­bar wird: damit kann ich leben (in Bachs Musik ist sie ubi­qui­tär, oder, wie es auf der Web­seite des Col­le­gium Vocale Gent hierzu heißt: „There are no ans­wers. Only Bach’s music can alle­viate the pain“). Sicht­bar­ma­chung ist ein Unter­fan­gen, das mich anspricht, und kul­tu­relle Ver­heu­ti­gung sowieso. Bei­des gleich­zei­tig im Kon­text von Alter Musik kann nicht ohne Stil­brü­che gehen, also auch inso­fern kein Problem.

Ich habe daher lange über­legt, was genau es ist, das mich an dem von Phil­ippe Herre­weghe für sein aktu­el­les Pro­jekt ver­wand­ten Film „Lebens­licht - eine Fami­li­en­ge­schichte in Zei­ten der Ver­zweif­lung“ von Clara Pons stört. Licht­füh­rung und Bild­spra­che zur heu­ti­gen Unbe­haust­heit und Tris­tesse jeden­falls sind es nicht. Nein, es ist das Scha­blo­nen­hafte und das Abge­nutzte der Set­tings darin. Auch wenn es schwer sein dürfte, einen Film zu fin­den, der der (vom Col­le­gium Vocale Gent groß­ar­tig inter­pre­tier­ten) Musik Bachs gegen­über kein künst­le­ri­sches Gefälle auf­wiese: es sind die­ser Musik nun wirk­lich unwür­dige Ste­reo­type, wenn zum x-​ten Male ein Prot­ago­nist sin­nie­rend allein durch den Wald schrei­tet. Nach­denk­li­ches Star­ren ins Leere. Regen, Nacht, Tank­stelle. In die Höhe stei­gende Vögel, ein­sa­mer See. Das ist Per­pe­tu­ie­rung ver­brauch­ter Bild­kli­schees. Eine ver­passte Chance, schade.

Montage

Kon­rad­sor­gel

Die­ses Bild von der Mon­tage der Pels-&-van-Leuven-​Orgel aus der Kon­radska­pelle in der Slo­wa­kei erreichte mich heute, ver­bun­den mit einer Ein­la­dung zur Ein­wei­hung der Orgel.

Angu­lar­syn­tax

Nach län­ge­rer Zeit habe ich mich mal wie­der an einem One-​Pager ver­sucht, und prompt stol­perte ich über die (ja gar nicht mehr so) neue Syn­tax von Angu­lar. Wie schnell ver­al­ten doch Webdesign-​Skills. Nach wie vor bin ich froh, Musi­ker zu sein und als sol­cher auch arbei­ten zu können.

Italienische Orgel, französische Orgel

Aus­schrei­bung

In der ers­ten musica-​sacra-Aus­gabe des Jah­res erschien heute die Aus­schrei­bung für meine Nach­folge in St. Remi­gius. Wenn ich das so lese und auch mit der Aus­schrei­bung ver­glei­che, auf die ich mich vor zwan­zig Jah­ren bewor­ben hatte, merke ich, daß sich für Kirchenmusiker*innen nicht alles zum Schlech­ten ver­än­dert hat — jeden­falls nicht in Viersen.

Unter­des­sen widme ich mich pha­sen­weise ver­stärkt der Musik Giro­lamo Fres­co­bal­dis, auf den unter­schied­li­chen acht­fü­ßi­gen Prin­ci­pa­len der Remi­gius­kir­che ist das ein beglü­cken­der Genuss.

 1

Reclam

Ambi­gui­tät

Im Nach­gang des erwähn­ten Workshop-​Tags hatte ich nach vie­len eigent­lich wirk­lich erfreu­li­chen Gesprä­chen dies­be­züg­lich – ins­be­son­dere mit den Gemeinde-  und Pas­to­ral­re­fe­ren­ten der Pfar­rei – die durch­aus bit­tere Erkennt­nis, dass die Frage nach künst­le­ri­scher Beschaf­fen­heit, nach der nicht zwangs­läu­fig schon wer­ten­den „Qua­li­tät“ von Musik­stü­cken, auch bei gutem Wil­len oft schei­tert – aus einer Viel­zahl von Gründen.

Nach einem Trip am Frei­tag nach Vechta, um mit Ste­fan Decker und Domi­nik Blum einige Moda­li­tä­ten für mei­nen Dienst­an­tritt dort zu bespre­chen, über­reichte mir letz­te­rer das bemer­kens­werte Reclam-​Bändchen „Die Ver­ein­deu­ti­gung der Welt“ von Tho­mas Bauer. Darin beschäf­tigt sich der Autor mit der signi­fi­kan­ten Zunahme der gesell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Ambi­gui­täts­in­to­le­ranz. Ich erkannte beim Lesen, dass ich etli­ches dar­aus schon kannte – in mei­ner Social-​Media-​Blase war es vor­wie­gend von Theo­lo­gen bespro­chen wor­den (ins­be­son­dere der Satz: „Ein guter Indi­ka­tor für die Ambi­gui­täts­to­le­ranz west­eu­ro­päi­scher Gesell­schaf­ten ist der jewei­lige Zustand der katho­li­schen Kir­che, denn die katho­li­sche Kir­che ist über­ra­schend ambiguitätstolerant“).

Für mich als Musi­ker finde ich – vor dem Hin­ter­grund des erwähn­ten Work­sh­op­tags und der ein­gangs umris­se­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­ma­tik – fol­gende Pas­sa­gen aus dem Büch­lein zitie­rens­wert (es geht um Musik): Wenn sich Qua­li­täts­un­ter­schiede nicht mit ein­deu­ti­gen Kri­te­rien fest­stel­len las­sen, dann erscheint es ein­fa­cher zu sein zu sagen, es gebe gar keine Qua­li­täts­un­ter­schiede, als über nicht leicht zu prä­zi­sie­rende, aber den­noch vor­han­dene Qua­li­täts­un­ter­schiede nach­zu­den­ken. Hier dage­gen sei fest­ge­hal­ten, dass es Qua­li­täts­un­ter­schiede gibt, daß etwa ein Schlager-​Tralala nicht die­selbe Qua­li­tät hat, wie der ein­gangs erwähnte Punk­song von Nina Hagen, und dass beide wie­derum eine andere Qua­li­tät haben als etwa ein Streich­quar­tett von Alban Berg. […] Neben der Reli­gion ber­gen die Künste das größte Ambi­gui­täts­po­ten­tial. Die Gesell­schaft wird davon aber nur pro­fi­tie­ren kön­nen, wenn der Ambi­gui­täts­ver­nich­tung durch ihre Tri­via­li­sie­rung im mark­tra­di­ka­len Kapi­ta­lis­mus Ein­halt gebo­ten wird.